Pfingtsonntag, 24. Mai 2026
Die Glocken läuten aller 15 Minuten. Carantec liegt in der
aufgehenden Sonne ca. einen Kilometer von uns entfernt und strahlt
bereits durch den Morgendunst. Jetzt können wir auch sehen, wie
schön es rundum ist. Viele Flussgebiete liegen gerade trocken. Die
Austernbänke sind zwar mit Wasser bedeckt, aber ihre
Begrenzungsstangen aus Metall spießen sich scheinbar filigran
durch die Wasseroberfläche und signalisieren, dass Vorsicht
geboten ist, will man hier mit dem Boot entlangfahren.
Drüben gibt es einen Verbindungsweg zwischen dem Festland bei
Carantec zur Insel Ile Callot. Dieser wird bei Flut so weit
überspült werden, dass man bequem mit kleinen Booten in den
Nachbarflusslauf wechseln könnte. Zwei Stunden vor Hochwasser
wagen wir uns mit Gandalf vorsichtig über die markierten Gebiete
und finden nirgends einen wirklich guten Wasserweg zum Dorf. Alles
geht gut, wir können an einer langen Mauer festmachen und über
eine rostige Leiter an Land steigen. Schon sind wir mitten im
„Ferienparadies“ mit weiß getünchten Häusern, Granitfassaden und
Granitmauern. Schwarze Satteldächer bestimmen das Ortsbild. Hier
und da erhebt sich ein türmchenreiches „Schlösschen“ zwischen
hohen, alten Bäumen. Bei strahlendem Sonnenschein duften die
blütenreichen Hecken, die sich schwer hängend über Mauern und
Zäune ergießen. Der frische Holunderblütenduft mischt sich mit der
Süße der üppigen Heckenrosen. In den Gärten schießt der Salat
neben den Artischocken schon ins Kraut. Aber die Pfingstrosen
haben ihren Auftritt in dieser Saison punktgenau platziert.
Pfingstrosen schmücken auch sämtliche Altäre der altehrwürdigen
Kirche „Eglise Saint Carantec“, die trotz kalter Mauern und
leidender Christusfiguren Freundlichkeit und Farbenpracht
ausstrahlt. In ihren Gängen hängt noch der Weihrauchduft der
vorangegangenen Messe.
Am weißen Strand gehen die Urlauber eifrig baden. Väter nehmen
ihre Söhne schwimmend huckepack und springen mutig kopfüber vom
Türmchen im Wasser. Mütter führen die kleinen, ängstlichen Mädchen
vorsichtig durch die dichten Tanggürtel und locken sie mit viel
Geduld ins kühle Nass. Radfahrer machen Rast und nehmen sich Zeit
für das Baden in der Sonne. Die Menschen wirken entspannt und
lebendig zugleich.
Belebt wirken auch die kleinen Lokale mit sonnenüberfluteten
Sitzplätzen in den Außenbereichen, die mit Wein trinkenden und
gemütlich speisenden Menschen bevölkert sind und von quirligen
Kellnern und Kellnerinnen versorgt werden. Niedliche Lädchen haben
auch am Pfingstsamstag geöffnet, die gut besuchten Bäcker
ebenfalls. Das viel gepriesene „Kunstkaffee“ im schwedischen
Design (?) bezaubert uns mit Erdbeertörtchen, Nusskreation und
gutem Kaffee.
Ins Auge fallen auch mehrere mondäne Häuser, in denen Notare
wochentags schalten und walten werden. Auch finden sich an
mehreren Ecken Immobilienhändler. Die angepriesenen Objekte
erscheinen auf den ersten Blick bezüglich des angesetzten
Verkaufspreises ebenso üppig wie die überbordende Gartenkultur
dieses Ortes.