Noch einmal die wilde Bretagne!

Marinablick
Marinablick

Zugegeben, die Überquerung der Biskaya hat uns dieses Mal doch ziemlich zugesetzt. Auch der Regen in der Marina du Moulin Blanc in Brest ist zwar gut gegen das Salzwasser, das Frodo massenweise abbekommen hat, aber hebt nicht gerade unsere Stimmung. Es ist so kalt, dass wir sogar den Elektroheizer herausholen, damit wir es unter Deck etwas gemütlicher haben. Der Gang in das nachbarliche Saunaboot wäre natürlich auch eine Alternative gewesen, um wieder Wärme zu tanken, aber dafür sind wir einfach noch nicht wieder fit genug.

Am ersten Morgen klopft es an unser Boot. Beim Nachschauen entdecken wir kleine Jungs in Paddelbooten, die offensichtlich während des Übens bei uns angestoßen sind. Drüben auf dem Fluss tummeln sich kleine Optis, mehrere Standup Paddelgruppen ziehen in der Marina ihre Kreise. Sogar einzelne Foilsurfer werden durch die Marinagassen zu beobachten sein. Im Wechsel der Gezeiten zeigt sich die moderne Anlegestelle immer wieder neu. Es regnet immer noch ordentlich. Unbeeindruckt und abgehärtet zieht man eben Regenkleidung über und betreibt weiter Wassersport. An einer riesigen Rampe haben sich Boote trocken fallen lassen, um ihr Unterwasserschiff fit zu machen. So etwas haben wir zuvor auch noch nicht gesehen.

In der Marina du Moulin Blanc

Im Marinabüro sitzen sie, die jungen, fröhlichen Leute, die wohl für einen hoffentlich gut bezahlten Sommerjob hier angeheuert haben. Schon am Telefon hatte uns gestern Nachmittag eine der Frauen fließend auf Englisch mit amerikanischem Akzent wichtige Informationen mitgeteilt. Jetzt gilt es, Hilfe wegen unseres Steuerungssystems zu finden. Viel Geduld und Ausdauer sind gefragt, um endlich einen Ansprechpartner zu finden, der noch vor Pfingsten bei uns vorbeischauen kann. Letztlich erleben wir das Geschenk großer Hilfsbereitschaft, der Chef einer Bootsbaufirma schaut am zweiten Morgen persönlich vorbei, leiht uns Werkzeug aus, damit Thomas erst einmal selbst Hand anlegen kann.

In der Marina unterdessen wimmelt es unablässig von Menschen, die alle Arten von Wassersport ausprobieren. Und die Sonne lässt sich immer öfter blicken. Die Vorfreude auf Pfingsten ist überall zu spüren. Beim Bäcker, im Waschsalon, in den Cafés und abends in der Fischgaststätte, wo wir königlich speisen und uns genießend über die französische Kulinarik freuen. Zuvor aber hat Thomas geduldig und mutig auseinander gebaut, Einblicke gewonnen, mögliche Ursachen für die Blockaden des Lenkrades gefunden, geschmiert, gebastelt, improvisiert. Nun läuft das Lenkrad wieder störungsfrei. Mit viel Zeit und Ruhe und schneller professioneller Hilfe wäre es schön gewesen, wenn er ein Kunststofflager ersetzt bekommen hätte. Pfingsten mit schönem Wetter ließ das aber nicht zu und wir wollen weiter.

So nutzen wir den letzten Tag in der Marina bei herrlichstem Sommer zu einer kleinen Fahrradtour mit Besuch des Oceaneums gleich um die Ecke. Leider sind dort die Bereiche der Hauptattraktion mit riesigen Aquarien wegen Renovierungsarbeiten geschlossen, dennoch eröffnet sich uns eine wunderbare Perspektive auf die Unterwasserwelt der Region.

Nebelhorn und Gegenströmung im Chenal du Four

Schon am Morgen begrüßt uns der Nebel und wird uns den gesamten Tag über begleiten, manchmal sogar ordentlich zu schaffen machen, denn durch den Chenal du Four zu navigieren ist keine leichte Aufgabe, zumal man die günstigen Strömungszeiten abpassen muss. Leider geht Letzteres nicht so gut, weil sich Thomas auf eine Berechnung durch KI verlassen hat. Man sollte eben immer überprüfen, ob die Informationen auch wirklich stimmen. Es geschah nichts Dramatisches bei dem stillen Wetter, aber die Reise nach L´Aber Wrack dauerte doch länger als geplant und gedacht. Letztlich sehen wir von der bizarren Küste mit den berühmten Leuchttürmen und Klippen nichts, vielmehr hören wir ab und an Nebelhörner und geben selbst Signale ab. Gespenstisch eingenebelt motoren wir Stunde um Stunde und sind heilfroh, als wir abends im Fluss bei L’ Aber Wrack den Anker werfen können und im düsteren Grau sicher liegen. Plötzlich zischt an uns eine regionale Regatta vorbei, Segelboote und Begleitboote machen ordentlich Lärm und Welle, ein Riesenspektakel umtöst uns. So schnell und brausend sie gekommen waren, so rasend sind sie auch wieder verschwunden. Das wird uns eindrücklich in Erinnerung bleiben.

Pfingsten im La Penzé vor Carantec

Ankunft mit Hindernissen

Am Pfingstsamstag kommen wir an einem spektakulären Flussankerplatz an, nachdem wir eine Motortour durch dichten Nebel von L’Aber Wrack nach Roscoff mit Hilfe der Strömung erfolgreich beendet hatten. Die Fahrt war wieder gruselig gewesen wegen der schlechten Sicht und der feuchten Kälte. Kurz vor der Ile de Batz wären wir beinahe neben „Marie“ aus Cuxhaven vor Anker gegangen. Erstaunlich, dass selbst der Leuchtturm im Nebel kaum zu sehen war. Dann schipperten wir doch noch in die nächste Bucht in der Hoffnung nach mehr Ruhe. Mit Blick auf Roscoff warfen wir den Anker. Der Mittagsschlaf fiel so schaukelnd aus, dass wir uns kurz entschlossen in den Flusslauf La Penzé verlegt haben. Eine trickreiche Einfahrt, aber in mehreren Quellen als machbar beschrieben beschleunigte unseren Puls. Vorsichtig tastete sich Thomas voran. Überall sollten unter und über Wasser Felsen sein, eine tiefe Rinne musste streng eingehalten werden. Bei diesem dichten Nebel glich unsere Weiterfahrt beinahe einer Geisterfahrt. Hier ist zum Glück alles friedlich und still, wir liegen sicher eingebettet zwischen Muschelbänken und Felsenkuppen und können gut beleuchtet mit Extralichtern ruhig schlafen.

Stiller Tag und Fluss

Pfingtsonntag, 24. Mai 2026

Die Glocken läuten aller 15 Minuten. Carantec liegt in der aufgehenden Sonne ca. einen Kilometer von uns entfernt und strahlt bereits durch den Morgendunst. Jetzt können wir auch sehen, wie schön es rundum ist. Viele Flussgebiete liegen gerade trocken. Die Austernbänke sind zwar mit Wasser bedeckt, aber ihre Begrenzungsstangen aus Metall spießen sich scheinbar filigran durch die Wasseroberfläche und signalisieren, dass Vorsicht geboten ist, will man hier mit dem Boot entlangfahren.

Drüben gibt es einen Verbindungsweg zwischen dem Festland bei Carantec zur Insel Ile Callot. Dieser wird bei Flut so weit überspült werden, dass man bequem mit kleinen Booten in den Nachbarflusslauf wechseln könnte. Zwei Stunden vor Hochwasser wagen wir uns mit Gandalf vorsichtig über die markierten Gebiete und finden nirgends einen wirklich guten Wasserweg zum Dorf. Alles geht gut, wir können an einer langen Mauer festmachen und über eine rostige Leiter an Land steigen. Schon sind wir mitten im „Ferienparadies“ mit weiß getünchten Häusern, Granitfassaden und Granitmauern. Schwarze Satteldächer bestimmen das Ortsbild. Hier und da erhebt sich ein türmchenreiches „Schlösschen“ zwischen hohen, alten Bäumen. Bei strahlendem Sonnenschein duften die blütenreichen Hecken, die sich schwer hängend über Mauern und Zäune ergießen. Der frische Holunderblütenduft mischt sich mit der Süße der üppigen Heckenrosen. In den Gärten schießt der Salat neben den Artischocken schon ins Kraut. Aber die Pfingstrosen haben ihren Auftritt in dieser Saison punktgenau platziert.

Pfingstrosen schmücken auch sämtliche Altäre der altehrwürdigen Kirche „Eglise Saint Carantec“, die trotz kalter Mauern und leidender Christusfiguren Freundlichkeit und Farbenpracht ausstrahlt. In ihren Gängen hängt noch der Weihrauchduft der vorangegangenen Messe.

Am weißen Strand gehen die Urlauber eifrig baden. Väter nehmen ihre Söhne schwimmend huckepack und springen mutig kopfüber vom Türmchen im Wasser. Mütter führen die kleinen, ängstlichen Mädchen vorsichtig durch die dichten Tanggürtel und locken sie mit viel Geduld ins kühle Nass. Radfahrer machen Rast und nehmen sich Zeit für das Baden in der Sonne. Die Menschen wirken entspannt und lebendig zugleich.

Belebt wirken auch die kleinen Lokale mit sonnenüberfluteten Sitzplätzen in den Außenbereichen, die mit Wein trinkenden und gemütlich speisenden Menschen bevölkert sind und von quirligen Kellnern und Kellnerinnen versorgt werden. Niedliche Lädchen haben auch am Pfingstsamstag geöffnet, die gut besuchten Bäcker ebenfalls. Das viel gepriesene „Kunstkaffee“ im schwedischen Design (?) bezaubert uns mit Erdbeertörtchen, Nusskreation und gutem Kaffee.

Ins Auge fallen auch mehrere mondäne Häuser, in denen Notare wochentags schalten und walten werden. Auch finden sich an mehreren Ecken Immobilienhändler. Die angepriesenen Objekte erscheinen auf den ersten Blick bezüglich des angesetzten Verkaufspreises ebenso üppig wie die überbordende Gartenkultur dieses Ortes.

Zufrieden schlendern wir zurück zu „Gandalf“ und finden ihn gut festgebunden schwimmend an der Anlegemauer vor. Bei der Rücktour sehen wir ab und an Felsen unter Wasser. Mit viel Respekt und Sorge um unser Schlauchboot manövrieren wir uns langsam zurück zu Frodo.

Nun haben auch wir Lust zum Baden. Das Wasser ist wärmer als gedacht. Die vorbeifahrenden Hobbyfischer grüßen alle friedlich und freundlich, das Gegrillte am Abend, der Käse, der Rotwein, all das passt wunderbar zum Pfingstfestgefühl und wird sich in uns einstellen, wenn wir an die Bretagne zurückdenken werden.

Unterdessen rankt und blüht auch unser Garten in Dessau. Wir können ihn bestaunen, weil Johannes uns per Handy mitnimmt. Er will die Gießanlage wieder in Gang setzen, damit die kommenden heißen Tage in Deutschland keinen größeren Schaden in unserem Garten anrichten. Wie froh sind wir, dass Johannes uns unterstützt! Dankbar denken wir auch an unsere Freundin Ulrike, die gemeinsam mit ihrem Zwillingsbruder Matthias regelmäßig nach dem rechten schaut. Wie schön, solch einen heimischen „Ankerplatz“ wieder ansteuern zu können. Ehrlich? Ehrlich! Wir geben es zu: Leises Heimweh schleicht sich nun fast täglich in unsere Gedanken.

Zur Gezeiteninsel

Pfingstmontag, 25. Mai

Dies ist der Tag des Badens und Genießens. Wir beobachten die privaten Bootsausflügler, sogar ein Wasserskifahrer wird durch den Fluss gezogen. Abends dann fahren wir zum Abschied nochmal auf die Gezeiteninsel und „bunkern“ Ansichten und Aussichten aus der Perspektive einer sich minütlich verändernden Insel- und Flusswelt. Schön, dass es uns hierher verschlagen hat. Dieser Zwischenstopp war erholsam und erfüllend.

Zu einer der schönsten Buchten in der Bretagne

26. Mai 2026

Die Ausfahrt aus dem Fluss meistern wir mit großer Aufmerksamkeit problemlos. Noch einmal wollen wir einen viel gepriesenen Ankerplatz anlaufen, der „Port Blanc“ heißt und vor dem hübschen Ort Prevénan in einer malerischen Naturbucht liegt. Diese erreichen wir nach einem moderaten Motortag und werfen nachmittags den Anker. Rundum ragen Felsen aus dem Wasser. Drüben springen Jugendliche von hoch oben in den Badebereich. Gleich gehen wir auf Erkundungstour mit Gandalf und zu Fuß. An der Rampe begegnen wir vielen Einheimischen, die gerade den günstigen Wasserstand nutzen und zu einem Bad in die Bucht hinabklettern. Im Ort blühen die Hortensien und an den öffentlichen Badestrand schließt sich eine große Wiese an, die später am Abend mit gemütlich picknickenden Familien bevölkert sein wird. Am Himmel türmen sich Gewitterwolken. Von Ferne ist tiefes Grummeln zu hören, aber das Unwetter zieht zum Glück weit genug an uns vorbei. So können wir voller Freude am Strand sitzen und unser Abschiedsessen genießen. Wir haben die Bretagne sehr lieb gewonnen und denken, dass es uns irgendwann wieder hierher ziehen wird. Auf dem Rückweg begegnen wir unten an der Rampe einem alten Mann, der uns freudig erzählt, dass er eine Zeit lang in Deutschland gearbeitet hat und mit guten Erfahrungen und Erinnerungen hierher zurückgekehrt ist.

Galerie: Bretagne 2026