Biskaya II – Unsere schwere Biskaya-Überfahrt

Lichtblick auf See
Lichtblick

Warten und Hoffen

Im Segelführer stand: „Warten Sie auf ein stabiles Hoch." Ja, wir haben gewartet, fast eine Woche in der Ria de Ferrol in Nordspanien. Vor Anker liegend bereiteten wir uns und FRODO vor, waren mit dem Schlauchboot Lebensmittel und Reserve-Diesel einkaufen, haben vorgekocht, die Windsteueranlage in Betrieb genommen, auf und unter Deck alles verzurrt und vertäut, jeden Tag die Wettervorhersagen studiert und mit dem Laptop die möglichen Routen simuliert, den Start dann doch noch um einen Tag verschoben. Am 16. Mai ist es letztlich so weit: Wir legen unser Schicksal erneut für mindestens drei Tage in die Hände der Naturgewalten, es geht hinaus in die Wetterküche Europas. Biskaya, wir kommen!

Nieselregen statt Bilderbuchstart

Seit 6 Uhr sind wir wach, haben beide nicht gut geschlafen. Es nieselt leicht, die Sicht ist schlecht und es spukt. Vor uns, aus einem grauen Gemisch von Nieselregen und Wolken, kommt in größeren Abständen ein geisterhaftes Blinklicht. Erst langsam wird es mir klar: Es ist der Leuchtturm Torre de Hércules, der Herkulesturm. Er sendet kaum sichtbare Signale aus dem Nichts, so als wollte er sagen: Weiter jetzt, nach Hause segeln, nicht den Mut verlieren. Ehrlich gesagt, heute würde ich lieber noch eine Runde schlafen und mich in der Kajüte vielleicht mit der Homepage beschäftigen. Aber nein, wir müssen los, ein neues Wetterfenster ist nicht in Sicht und so müssen wir das Beste nehmen, was wir bekommen. Kein stabiles Hochdruckgebiet, aber das Fehlen von Extremwetter ist auch schon nicht schlecht. Dennoch nehmen wir lieber jeder zwei Reisetabletten; zu unsicher ist die Wetterlage, und der kräftige Nordost von gestern hat gewiss noch unangenehme Wellen hinterlassen.

Prognose...

Eine Biskaya-Überquerung dauert drei bis fünf Tage, sagt man, und man soll sich auf Überraschungen gefasst machen. Wir simulieren seit Tagen unsere Überfahrt und die beste Route mit den Wettermodellen auf unserem Computer. So schlecht ist die Aussicht gar nicht, wenn man vom Regen am Anfang und am Ende der Reise absieht. Der Wind, so zumindest die Prognose, kommt tagelang mit 10–15 Knoten von links, was sich sehr gut segeln ließe; erst in den letzten 24 Stunden sollen die Wellen auf über zwei Meter anwachsen, das aber zum Glück schräg von achtern und mit längerer Periodendauer – na ja, so eine Überquerung ist schließlich kein Wunschkonzert. Insgeheim habe ich sogar noch einen Plan B – Biskaya mit Erweiterung, einfach einen Tag länger den guten Wind nutzen und weiter bis auf die Kanalinseln segeln. Je näher die Abfahrt rückt, desto länger wird allerdings die vorausberechnete Gesamtfahrzeit, da offenbar der Wind schwächelt, aber es bleibt bei der Ankunft vor der dritten Nacht in Brest. Das Beste aber soll sein: Der Motor kann aus bleiben, hurra, null Motorstunden werden vorhergesagt. Die Vorhersage verspricht uns also ein ausreichendes, dreitägiges Fenster, nicht schön, aber segel- und machbar. Alles vorher und danach war weniger günstig, also dann: Nichts wie los!

...und Wirklichkeit

Noch in der Ria de Ferrol setzen wir unsere Segel und im Nieselregen entstehen letzte Fotos von Spanien. Dann kommt auch schon die erste Enttäuschung direkt vor der Küste: Es erwartet uns nicht der vorhergesagte Seitenwind, sondern ein nicht vorhergesagtes, hohes und ruppiges Wellenchaos. Unter mir schaukelt FRODO in alle Richtungen, während ich mit einer Hand am Haltegriff versuche, noch einige brauchbare Fotos zu schießen. Ein klarer Fall für Bildstabilisierung und Rettungsweste. Die Segel schlagen dermaßen, dass wir sie gleich wieder bergen müssen und unter Motor an den letzten Küstenkilometern Spaniens entlangstampfen. Kaum dreißig Minuten nach dem Auslaufen fragt mich Ines mit blassem Gesicht, ob sie sich unter Deck legen und versuchen darf, den verpassten Schlaf nachzuholen. Natürlich darf sie. Die nervliche Anspannung und das Adrenalin spielen auch nach vielen Monaten des gemeinsamen Reisens auf unserem Boot immer eine Rolle. Später gestehen wir uns, dass wir unabhängig voneinander und ohne es laut ausgesprochen zu haben am ersten Tag eine Umkehr nach Spanien überlegt hatten. Doch wie wäre das nächste Wetterfenster gewesen und wann wäre es gekommen?

Nicht allein

Auf unserer ersten Biskaya-Überfahrt haben wir nach zwei Tagen totaler Einsamkeit ein erstes Boot in der Ferne gesichtet, was dadurch zu einem richtigen Ereignis wurde. Dieses Mal ist das anders. Mit uns aus den Rias von A Coruña und Ferrol stechen gleich vier andere Segler in See: „Rara", Vereinigtes Königreich (UK) „No Cona Moon", Vereinigtes Königreich (UK) „Hera", Norwegen (Norway) und „Logoden", Frankreich (France). Die „Rara", ein britischer Katamaran, wird uns in Sichtweite bis nach Brest begleiten. Keines dieser Boote kannten wir vorher und mit keinem hatten wir Funkkontakt, und auch nur die „Rara" haben wir wirklich gesehen. Doch allein deren Radar-Echos auf dem AIS zu sehen und irgendwie zu wissen, es gibt sie, da sind noch andere, ist sehr beruhigend. Nicht zuletzt vermittelt es einem das Gefühl, mit der Interpretation des Wetters vielleicht doch nicht so falsch zu liegen.

Die schönsten Stunden

Am Sonntagnachmittag wendet sich das Blatt für einen kurzen, magischen Moment. Endlich bricht die Wolkendecke auf und die Sonne kommt für ein paar Stunden zum Vorschein. Der Wind stabilisiert sich und wir segeln endlich auf einem perfekten Halbwindkurs – exakt so, wie es uns die Wetterkarte Tage zuvor, allerdings fast für die gesamte Zeit, versprochen hatte. FRODO zieht mit einer eleganten Bugwelle durch das Blau. Als hätte das Meer ein Einsehen mit unserer Moral, taucht plötzlich eine Schule flinker Delfine auf. Die eleganten Tiere schießen auf unser Boot zu, lassen sich kurz zurückfallen, um dann in gewitzten, pfeilschnellen Schlangenlinien direkt vor unserem Bug zu schwimmen. Sie tauchen synchron von einer Seite zur anderen, blicken kurz zu uns hoch und verschwinden nach einem unvergesslichen Schauspiel wieder in den Tiefen des Atlantiks. In solchen Augenblicken vergisst man die Strapazen und so könnte es bitte weitergehen – aber die Biskaya wäre nicht die Biskaya, wenn sie es einem so einfach machen würde.

Eine letzte anstrengende Nacht

Die darauffolgende Nacht fordert uns noch einmal alles ab. Das Wetter verfällt in permanente Winddreher. Erst drückt der Wind mit schwachen sieben Knoten direkt von hinten – eine Konstellation, die sich in dieser unruhigen See beim besten Willen nicht segeln lässt, ohne dass das Rigg Schaden nimmt. Dann dreht er wieder auf Halbwind, nur um kurz darauf komplett von vorne zu blasen. Es ist ein unaufhörliches, kraftzehrendes Arbeiten: Segel reffen, Segel rauslassen, Schoten verstellen, Segel komplett bergen, Motor an, Motor aus. Der Rhythmus zermürbt. Dieser gemütliche und allmähliche Atlantikschwell, der einen sanft anhebt und wieder hinunterlässt, ist, wenn überhaupt, nur für ganz wenige Stunden zu spüren. Die Wellen schießen mittlerweile aus allen Richtungen heran und haben sich deutlich über die Zwei-Meter-Marke aufgetürmt. Zu allem Überfluss lässt nun auch die Wirkung unserer Reisetabletten nach. Der Magen rebelliert, und wir kämpfen beide gegen die aufkommende, lähmende Seekrankheit. An echten Schlaf ist unter diesen Bedingungen nicht mehr zu denken; er wird zur absoluten Mangelware an Bord. Durch die schwierigen Bedingungen und die ständigen Kurskorrekturen wird uns schnell klar, dass unsere bisherige Zeitrechnung hinfällig ist: Wir werden mehrere Stunden länger unterwegs sein als geplant.

Ruderprobleme auf offener See

Bereits seit einiger Zeit bemerkten wir ein leises Quietschen des Steuerrads, sobald der Autopilot den Kurs nach Steuerbord korrigierte. Kurz vor dem Ausgang der Biskaya mutierte das Quietschen zu einem harten, metallisch klemmenden Geräusch. Wir beobachteten voller Sorge, wie der elektrische Antrieb sichtlich Mühe hat, das Steuer noch zu bewegen. Ich kupple den Autopiloten aus und teste die Anlage von Hand. Nicht gut, das Steuerrad lässt sich nur noch mit Kraftaufwand und spürbarem Widerstand bewegen. Was bedeutet das für unsere Weiterreise? Was bedeutet das für den Autopiloten, wenn der Widerstand weiter wächst? Und vor allem: Wie handeln wir, wenn das Steuerrad vollständig blockiert? Um ein Heißlaufen oder den totalen Exitus des Autopiloten zu verhindern, übernehme ich das Steuer von Hand. Während ich versuche, FRODO auf Kurs zu halten, gehe ich im Kopf unsere Notfalloptionen durch. Wir holen die schwere Notpinne aus der tiefen Backskiste und legen den großen Bolzenschneider griffbereit. Sollte das Steuerrad oder die Steuersäule komplett blockieren, gibt es nur noch ein radikales Manöver: Wir müssen mit dem Bolzenschneider die stählernen Steuerseile direkt am Ruderquadranten im Heck durchtrennen, um das blockierte Steuerrad mechanisch vom Ruder zu trennen. Danach müssten wir über die Notpinne steuern und versuchen, FRODO unter diesen extrem anstrengenden Bedingungen irgendwie in die schützende Rade de Brest zu manövrieren. Glücklicherweise hält das System durch. Doch wie und wo bekommen wir das repariert und wann? Während der mehrstündigen Einfahrt in die Rade von Brest recherchieren wir, wo die beste Maintenance ist, und planen ein neues Ziel. Statt gleich am Eingang der Rade in Camaret-sur-Mer festzumachen, fahren wir nun tief hinein bis in die Moulin Blanc Marina – eine gute Entscheidung, wie sich erweisen sollte.

Glückliche Ankunft

Ich erinnere mich, wie einmal ein Reporter der Vendée Globe (zur Erinnerung: Dies ist die schwerste Segelregatta der Welt, bei der die Teilnehmer allein mit einem 60-Fuß-Boot um den Globus segeln und ein Großteil der Teilnehmer aus Frankreich stammt) Jean Le Cam, den ältesten französischen Segler, einen bretonischen Salzbuckel bezeichnet hat. Der Atlantik, der trüb-feuchte Salzwind, die Wellen, die Gischt, der Regen – bei unserer Ankunft spüren wir genau den Vibe dieser Region, in der solche Ausnahmesegler heranwachsen. Wir sind nicht nur heilfroh, es endlich geschafft zu haben, sondern geradezu begeistert, was hier zu fortgeschrittener Stunde auf dem Wasser los ist. Bei anhaltendem Nieselregen und auffrischender Brise herrscht ein schier unübersichtliches, quirliges Treiben auf dem Wasser. Unglaublich, diese Franzosen: Bunte Surfer, dazwischen fegende Kites, manche rasen schwebend mit ihren unsichtbaren Foils wie selbstverständlich über die Wasseroberfläche, kleine Rennjollen, Katamarane, Yachten – sämtliche wassersportlichen Geräte werden von den Einheimischen auch abends bei widrigstem Wind und Wetter leidenschaftlich genutzt. Als wir die Leinen in der Marina festmachen, fällt eine tonnenschwere Last von unseren Schultern. Wir fühlen uns schlagartig sicher, unendlich müde und einfach nur überglücklich, diese Biskaya-Lotterie hinter uns gebracht zu haben. FRODO hat uns trotz des Wellenchaos und der mechanischen Zicken sicher an das französische Festland getragen. Jetzt heißt es: Durchatmen, das Steuersystem zerlegen – und die Ankunft genießen.

Was am Ende bleibt

Niemand hat je behauptet, dass Segeln immer schön sei. Unsere zweite Biskaya-Überquerung war lang, ermüdend und kräftezehrend. Die schönen Stunden dabei waren gezählt. Ich gehöre glücklicherweise zu den sehr vergesslichen Seglern. Wenn ich auch noch so gelitten habe, am Ende sind es doch die einmaligen und durch nichts anderes zu ersetzenden Erlebnisse, die das Segeln für mich so einzigartig und immer wieder schön machen. Ich habe schon von Seglern gehört, die von sich behaupten, sie schauen schon gar nicht mehr nach dem Wetterbericht, sondern fahren einfach los. So weit würde ich vielleicht nicht gehen. Ich weiß sicher einiges über Wetter und Wetterprognosen und bin dennoch erstaunt, wie unzuverlässig die Modelle gegenwärtig sind. Als Windsurfer wusste ich vor 20 Jahren 14 Tage im Voraus, an welchem Nachmittag der Wind in Mitteldeutschland zum Windsurfen ausreichen sein wird. Fünf Tage vor unserer Biskaya-Abfahrt hat das eine Wellenmodell 0,7 Meter Wellen und das andere 4,5 Meter für unseren Start vorhergesagt. Irgendwann musste ich dann einfach meine Erwartungen ändern und aus einer lang geplanten Abfahrt wurde eine Last-Minute-Entscheidung über „Go" oder „No-Go" von einem Tag auf den anderen. Aus den simulierten null Stunden Motorfahrt wurden am Ende über 20!! Zum Glück hat FRODO einen großen Dieseltank – ohne Diesel wären wir wohl noch in deutlich schlechteres Wetter geraten. Brest entschädigt uns für die Strapazen mit Atlantikflair, französischer Lebensart und einer großartigen Marina mit hervorragendem Wartungsangebot, das seinesgleichen sucht. Wenn der Herkulesturm uns zu Beginn ein geisterhaftes Signal der Hoffnung durch den Nieselregen schickte, so ist es nun die feste Gewissheit des sicheren Stegs in Brest, die uns zur Ruhe kommen lässt. Und während der Duft eines frischen Baguettes die Kajüte erfüllt und wir endlich wieder französischen Rohmilchkäse und einzigartigen Côtes-du-Rhône-Wein genießen können, verblassen die Strapazen der letzten drei Tage und wir haben die Gewissheit, ein weiteres anstrengendes Kapitel unseres Segeljahres gemeistert zu haben.