Nun laufen wir am „Kanal der Pyramiden“ entlang, lassen die
Salzfelder rechts neben uns und sehen die ersten Gondeln
einfahren. Aha, der Touristenstrom ist auf dem Wasser angekommen,
jeweils ungefähr drei Dutzend Menschen an Bord, dazu laut rufende,
singende, trompetende „Fremdenführer oder Fremdenführerinnen“, die
eifrig und heftig gestikulierend erklären, was man hier sehen und
erleben kann. Die Gruppe lacht, der Gondolieri bewegt das hübsche
bunte Boot per Motor und Pinne und wenn er durch die Brücke
möchte, muss er laut hupen.
Die Stadt ist wirklich hübsch anzuschauen. Farbenprächtige
Fassaden mit kunstvollen Details liefern ein Postkartenmotiv nach
dem anderen. Straßen und Gassen sind nach portugiesischer Art
fantasievoll gepflastert, Morbides lebt zwischen Neuem und
Restauriertem. Prächtige Kirchen zieren das Stadtbild und alles
ist mit (wenigen) Wasserkanälen durchzogen. An Brückengeländern
flattern unzählige Freundschaftsbänder. Ein riesiges
Einkaufszentrum als Tempel der neuen schönen Welt darf zentral
nicht fehlen. Auch die Fischrestaurants reihen sich entlang des
Hauptkanals dicht an dicht und sind gut besucht. Der
Touristenstrom ist riesig und international. Drüben unter der
Brücke parken die Wohnmobile gleich neben den Haltestellen.
Riesige Reisebusse spucken immer mehr Besucher aus. Auf dem großen
Platz vor der Stadt baut die Gewerkschaft eine Bühne auf, zur
Feier des ersten Mai. Fadomusik erklingt, an kleinen Ständen
verkaufen die einfachen Leute Handarbeit, Salzprodukte,
selbstgemachten Schmuck. Wenige Menschen zieht es zum Platz. Dass
dieser Tag ein Feiertag für die Arbeiter und Bauern ist, scheint
aus dem Fokus geraten zu sein.
In den kleinen verwinkelten Gässchen finden wir ein gemütliches
Cafe´ mit eigener Rösterei und probieren Cappuccino und Kuchen.
Der sehr nette junge Verkäufer jongliert mit gebrochenem Deutsch
und berichtet aus traurigen Augen blickend, dass er eine deutsche
Freundin hatte und dass Deutschland ein Sehnsuchtsort für ihn sei
und er gerne dorthin reisen möchte, sobald das Geld dafür reiche.
Er lässt uns ein wenig von der portugiesischen Seele erahnen und
wird uns im Gedächtnis bleiben.
Aveiro, das Venedig Portugals! Muss man diese Stadt gesehen haben?
Es war auf jeden Fall eine Anfahrt und einen Zwischenstopp wert.
Wir können uns vorstellen, dass man in der riesigen
wasseraderdurchzogenen Umgebung als Mensch mit Boot und Angel sehr
glücklich seine Freizeit verbringen kann. Wovon die Region lebt
und profitiert ist offensichtlich der Tourismus, aber auch die
Industrie mit der Herstellung von Automobilen, Düngemitteln, Salz.
Es gibt Metallverarbeitung, Porzellan- und Keramikproduktion. Die
durch den großen Hafen begünstigte Handelslage trägt dazu bei,
dass dieses Gebiet Portugals zu den wirtschaftlich stärksten des
Landes gehört.
Zurück am Tor der kleinen Marina sprechen wir ein junges Paar an,
das gerade auf dem Weg zum eigenen Boot ist. Der freundliche
Segler erzählt uns, dass er zwei Jahre lang in Deutschland
gearbeitet habe und macht sich Sorgen, ob wir mit unserem
Schlauchboot auch gegen die Strömung zurück nach Sao Jacinto
gelangen können. Sogar Benzin will er uns geben, falls wir nicht
genügend dabei haben würden. Wie schön! Wie herzlich! Wie
aufmerksam, unkompliziert und mitfühlend!
Gandalf heizt von Thomas getrieben schnell gegen die Strömung an
und bringt uns sicher zurück zum Ankerplatz.