Weiter nach Norden

Gischt mit der INSTA 360 aufgenommen
Gischt mit der INSTA 360 aufgenommen

Weiter nach Norden

Wir tauschen endgültig T-Shirt gegen Vollbekleidung. Aber der Norden ist besser als sein Ruf. Das Wetter ist trotzdem angenehm, nie wirklich kalt, manchmal nass, aber die Sonne kommt immer wieder durch und die eindrucksvollen Bilderbuchwolken im nordischen Licht sind sehr fotogen. Das Wetter im Norden Spaniens und auf der Biskaya ist noch nicht so, wie wir es brauchen, und so können wir uns Zeit lassen und diese schwierige Etappe mit einigen wunderbaren neuen Eindrücken von Land und Leuten füllen.

Mit dem Wissen, welches wir auf der Hinreise gesammelt haben, geht die Planung leichter von der Hand und wir fühlen uns fast wie zu Hause, wenn wir in Porto eine private Hafenrundfahrt mit dem Dinghy machen oder in geschützten Ecken der spanischen Rias ankern und an Land wandern gehen. Sogar am Kap Finisterre legen wir einen kurzen Stopp ein, diesmal nicht im Nebel, sondern im strahlenden Sonnenschein, und laufen bis zum Kilometer „0“ des Jakobsweges und können so einen kleinen Puzzlestein zu unserem Besuch in der Pilgerstadt Santiago de Compostela ergänzen.

So hangeln wir uns vorwärts, bis wir schließlich in der Ria Ferrol bei A Coruña auf ein passendes Wetterfenster für die nächste große Herausforderung dieser Reise warten, die berüchtigte Biskaya.

Aveiro, das Venedig Portugals

Wieder fällt uns der Abschied schwer. Ein längerer Schlag bis zum „Venedig Portugals“ erwartet uns. Einige letzte Blicke auf die Stadt Nazaré, die Steilküste und die langen Strände erhaschen wir kurz nach Sonnenaufgang und dann sind wir wieder unter Motor auf der Reise. Bei der Slalomfahrt um Fischerbojen aller Arten und Größen haben wir dieses Mal viel zu sehen, weil es keinen Nebel gibt. So bieten sich uns immer wieder interessante Blicke auf die portugiesische Küstenlandschaft, bevor wir abends in die große Ria de Aveiro einlaufen. Hier muss man Funkkontakt aufnehmen, weil auch Dickschiffe ständig ein- und ausfahren. Die See peitscht an die Wellenbrecher, die Strömung ist gegen uns, aber wir gelangen problemlos an einen guten Ankerplatz vor Sao Jacinto.

Mit dem Schlauchboot durch Schleusen und Kanäle am „Tag der Arbeiter und Bauern“ ?

Wir „satteln“ Gandalf und bereiten uns auf eine längere Dingifahrt vor. In Seglerforen hat Thomas von der Möglichkeit gelesen, mit dem Beiboot über eine Schleuse hinein ins Kanalsystem von Aveiro gelangen zu können. Dabei, so wurde berichtet, würde man die Beibootfahrer ein wenig wie „Aliens“ anschauen aber in den Kanälen selbst könne man sich danach problemlos fortbewegen.

Das verspricht wieder einmal ein Abenteuer zu werden, dass ganz nach dem Geschmack des Skippers sein könnte. Die erste Matrosin kommt bei solchen Unternehmungen jedenfalls immer mit, nicht ganz ohne Einwände und Befürchtungen, jedoch einer gewissen Vorfreude kann sie sich auch nicht verschließen.

Bei der längeren Tour durch die Ria geht uns schnell auf, dass man ohne Kenntnis der verwobenen und verzweigten Wasserstraßen schnell die falschen Biegungen nehmen könnte und ein Verirren in den weiten Marschlandschaften sicherlich möglich wäre. Wir halten uns mit Hilfe des Handys und der Betonnung an den Hauptweg, passieren Dickschiffe, Großsegler, Schiffsleichen, viele Angler und kommen tatsächlich bei der beschriebenen Schleuse an. Hier soll man warten.

Direkt gegenüber befindet sich eine kleine Privatmarina, dort halten wir uns wartend am Steg fest. An einem Schild stand, dass alle dreißig Minuten geschleust würde.

Lange passiert nichts, dann fahren wir doch Richtung Tor, um eventuell den Schleusenwärter zu sehen, der telefonisch nicht erreichbar war. Oben winkt und gestikuliert ein Mann und gibt uns zu verstehen, dass die Schleuse geschlossen bliebe. Na dann müssen wir leider von unserer privaten Gondelfahrt gedanklich Abschied nehmen, vertäuen Gandalf an einem Steg der Minimarina im Fluss und erkundigen uns, wie wir das Eingangstor passieren können. Alles kein Problem, am Nachmittag wäre jemand in der Kneipe drüben und würde uns bei Bedarf öffnen.

Bunte Kanalwelt

Nun laufen wir am „Kanal der Pyramiden“ entlang, lassen die Salzfelder rechts neben uns und sehen die ersten Gondeln einfahren. Aha, der Touristenstrom ist auf dem Wasser angekommen, jeweils ungefähr drei Dutzend Menschen an Bord, dazu laut rufende, singende, trompetende „Fremdenführer oder Fremdenführerinnen“, die eifrig und heftig gestikulierend erklären, was man hier sehen und erleben kann. Die Gruppe lacht, der Gondolieri bewegt das hübsche bunte Boot per Motor und Pinne und wenn er durch die Brücke möchte, muss er laut hupen.

Die Stadt ist wirklich hübsch anzuschauen. Farbenprächtige Fassaden mit kunstvollen Details liefern ein Postkartenmotiv nach dem anderen. Straßen und Gassen sind nach portugiesischer Art fantasievoll gepflastert, Morbides lebt zwischen Neuem und Restauriertem. Prächtige Kirchen zieren das Stadtbild und alles ist mit (wenigen) Wasserkanälen durchzogen. An Brückengeländern flattern unzählige Freundschaftsbänder. Ein riesiges Einkaufszentrum als Tempel der neuen schönen Welt darf zentral nicht fehlen. Auch die Fischrestaurants reihen sich entlang des Hauptkanals dicht an dicht und sind gut besucht. Der Touristenstrom ist riesig und international. Drüben unter der Brücke parken die Wohnmobile gleich neben den Haltestellen. Riesige Reisebusse spucken immer mehr Besucher aus. Auf dem großen Platz vor der Stadt baut die Gewerkschaft eine Bühne auf, zur Feier des ersten Mai. Fadomusik erklingt, an kleinen Ständen verkaufen die einfachen Leute Handarbeit, Salzprodukte, selbstgemachten Schmuck. Wenige Menschen zieht es zum Platz. Dass dieser Tag ein Feiertag für die Arbeiter und Bauern ist, scheint aus dem Fokus geraten zu sein.

In den kleinen verwinkelten Gässchen finden wir ein gemütliches Cafe´ mit eigener Rösterei und probieren Cappuccino und Kuchen. Der sehr nette junge Verkäufer jongliert mit gebrochenem Deutsch und berichtet aus traurigen Augen blickend, dass er eine deutsche Freundin hatte und dass Deutschland ein Sehnsuchtsort für ihn sei und er gerne dorthin reisen möchte, sobald das Geld dafür reiche. Er lässt uns ein wenig von der portugiesischen Seele erahnen und wird uns im Gedächtnis bleiben.

Aveiro, das Venedig Portugals! Muss man diese Stadt gesehen haben? Es war auf jeden Fall eine Anfahrt und einen Zwischenstopp wert. Wir können uns vorstellen, dass man in der riesigen wasseraderdurchzogenen Umgebung als Mensch mit Boot und Angel sehr glücklich seine Freizeit verbringen kann. Wovon die Region lebt und profitiert ist offensichtlich der Tourismus, aber auch die Industrie mit der Herstellung von Automobilen, Düngemitteln, Salz. Es gibt Metallverarbeitung, Porzellan- und Keramikproduktion. Die durch den großen Hafen begünstigte Handelslage trägt dazu bei, dass dieses Gebiet Portugals zu den wirtschaftlich stärksten des Landes gehört.

Zurück am Tor der kleinen Marina sprechen wir ein junges Paar an, das gerade auf dem Weg zum eigenen Boot ist. Der freundliche Segler erzählt uns, dass er zwei Jahre lang in Deutschland gearbeitet habe und macht sich Sorgen, ob wir mit unserem Schlauchboot auch gegen die Strömung zurück nach Sao Jacinto gelangen können. Sogar Benzin will er uns geben, falls wir nicht genügend dabei haben würden. Wie schön! Wie herzlich! Wie aufmerksam, unkompliziert und mitfühlend!

Gandalf heizt von Thomas getrieben schnell gegen die Strömung an und bringt uns sicher zurück zum Ankerplatz.

Maibock und Bifana

Immer noch ist Maifeiertag und drüben im Fischerdorf sitzen die Menschen in der Frühlingssonne. Also begeben wir uns noch einmal an Land, besuchen die viel gepriesene Bäckerei, die ausschließlich von Einheimischen frequentiert wird. Schnell haben wir danach die wenigen Gebäude des Dörfchens mit anschließender Militärgarnison erkundet, beobachten Fallschirmspringer, die gerade vom Flugplatz nebenan gestartet sein müssen und mischen uns unter die Hiesigen, um das portugiesische „Bifana“ zu probieren. Im Grunde handelt es sich um in Brötchen eingepacktes Schweine- oder Rindfleisch, welches scharf gegrillt wurde. Dazu Senf…. und ein Bier… ein Maibock muss es sein. Passt. Die wortreiche Kellnerin schmeißt den Laden mit Schwung und überbordender guter Laune, wir sitzen in der ersten Reihe auf Plastikstühlen und beobachten Hobbyfischer, die gerade am Steg ihren Fang des Tages bergen. Nach und nach wird die schmale Straße vor den Kneipen zum „Fahrsteg“ der Reichen, die mit glänzenden Nobelautos auf dem Weg zur Fähre gesehen werden wollen und ganz besonders langsam an uns vorüberfahren. Das Auto als Prestigesymbol am Tag der Arbeit. Ich weiß gerade nicht, was ich dazu denken und sagen soll. Am Tisch nebenan kommentieren junge studentisch wirkende Männer und Frauen offensichtlich das „Schauspiel“. Vorhin halfen sie uns beim Übersetzen für die Kellnerin. Jetzt würde ich gerne etwas von dem verstehen, was sie zur Armada der Nobelkarossen zu sagen haben...aber ich traue mich nicht zu fragen.

Porto! Schaukelspritztour und Abschiedsweh

Der Anker fällt im Fluss Douro und gleich erfasst uns die Strömung. Bei dieser Schaukelei werden wir heute in der Nacht wohl wenig Schlaf bekommen, aber das ist nun nicht zu ändern, wenn man mit dem Schlauchboot hinauf in die Altstadt und zur berühmten Brücke düsen möchte.

Thomas vertraut Gandalf voll und ganz und hat sehr viel Freude auf unserer Schlauchbootspritztour. Ich hingegen halte mich krampfhaft mit der einen Hand an den Seilen fest, in der anderen umklammere ich den Kameragriff und kann mich einfach nicht entspannen. Es rappelt und schaukelt, faucht und sprudelt. Wind gegen Strom. Dazu kommt der Schwell, der von den vielen Ausflugsbooten herrührt. Das ist irgendwie kein Spaß für mich und dennoch ein großes Abenteuer. Nebenbei fotografieren gelingt mir nicht, aber Thomas meistert auch diese Aufgabe. Unter der berühmten Brücke hindurch zu fahren ist wirklich etwas erhebend Spezielles. Alle Gebäude und Straßen haben wir im vergangenen August von Nahem gesehen nun erleben wir die berühmten Bauten aus der Flusspersektive.

Dann heizen wir über die kleinen Wellenkämme den Fluss wieder hinab und befestigen Gandalf an einer Rampe, schälen uns aus unserer Regenkleidung, die wir zum Schutz getragen haben und beruhigen uns in der Abendsonne spazierend. Alte Straßenbahnen gleiten an uns vorbei. Die hübschen Häuser breiten sich über die Hänge aus. An einer sehr belebten Straße finden wir zwei Plätzchen für unser „Abschiedsessen“.

Morgen werden wir Portugal verlassen. Beim Blick in den sommerlich blühenden Park beschleicht uns Wehmut. Ob wir den Sommer mit nach Norden nehmen können? Ob wir bald einmal wieder nach Portugal reisen werden?

Wenn alles nach Plan verläuft, ist es eher unwahrscheinlich, dass wir hier noch einmal gemeinsam mit Frodo vorbei kommen. Deshalb gilt: Jede Minute genießen und dankbar versuchen, so viele Erinnerungen wie möglich zu bewahren!

Danke Portugal, danke Frodo, ihr habt uns reich beschenkt und glücklich gemacht!

Regensegeln und Flaggenwechsel

Kaum hat es gedämmert, lichten wir den Anker. Der Wetterbericht verspricht Regen, deshalb haben wir uns in warme Sachen gepackt und Wechselsachen bereit gelegt. Vor uns liegt ein langer Reisetag. Unser Ziel heißt Ria Vigo mit Baiona. Wieder peitscht der Douro bei der Ausfahrt, dann wird es ruhiger. In der Ferne sehen wir das große futuristische Kreuzfahrtschiffsterminal und den Industriehafen. Bald verschwindet alles in der Ferne. Ab und an schauert es, aber alles wird halb so schlimm. Wir haben viel Zeit, die abwechslungsreiche Küste zu bestaunen und genießen den Reisetag. Am späten Nachmittag passieren wir die Grenze und setzen erneut die spanische Gastlandflagge. Später kommen wir ordentlich durchgeschüttelt in der Ria de Vigo an. Vor Baiona gehen wir mit Blick auf die Marina vor Anker. Voriges Jahr herrschte hier Hochbetrieb. Heute sind wir das einzige Boot. Die Saison hat hier also noch nicht wirklich begonnen.

Spanisches Frühstück

Da wir schon am Mittag den günstigen Wind zur Weiterfahrt nutzen wollen, bleibt uns nur die Frühstückszeit, um Baiona noch einmal einen Kurzbesuch abzustatten. Hier ist auch alles noch friedlich und nahezu menschenleer. Im urigen Cafe´gibt es viele Einheimische, die dem Regen draußen entfliehen. Keine Frage, der Norden hat uns wieder. Weil wir für den Einkauf unsere Rucksäcke geschultert haben, werden wir auf der Straße freundlich mit „Bon Camino“ begrüßt. Die Pilger sind also schon wieder unterwegs und willkommen. Drüben an der Marinamauer arbeiten mehrere Bagger. Offenbar haben die Winterstürme die Wellenbrecher unterspült. Die Arbeiten laufen auf Hochtouren.

Weiter in die Ria Arousa

Mittags lichten wir den Anker und segeln weiter Richtung Ria Arousa, wo Thomas einen stillen Ankerplatz für uns herausgesucht hat. Da es abends noch lange hell ist, kommen wir wohlbehalten in der Dämmerung bei Boiro an und freuen uns schon auf eine ruhige Nacht vor Anker.

Boiro – Alles fließt

In Boiro machen wir Rast und erkunden Stadt und Umgebung. Am Flusslauf des Corono entlang steigen wir zu einem kleinen Bergdorf hinauf. Die Natur zeigt sich uns überbordend grün und triefend nass. Überall strotzt sie mit Blütenpracht und süßem Duft. Alte Mühlengebäude säumen liebevoll restauriert das Flussufer. Der Wanderweg ist nur ein kleiner Pfad, aber gepflegt und gut beschildert.Die Bauern beackern fruchtbaren Boden und in so mancher geschützten Ecke gedeiht der Wein. Auf den Beeten sehen wir bereits reife Erdbeeren und gut gewachsenes Gemüse. Diese Landschaft und ihre Bewohner sind mit Fruchtbarkeit gesegnet. Man grüßt sich und man grüßt uns. Die bunten Fassaden der Häuser zeigen sich uns vielseitig und unkompliziert.

Am Abend des 6. Mai müssen wir schon weiter, verlegen uns ganz nach vorn, nach Ribeira, damit wir gleich nach Sonnenaufgang losfahren können.

Bis ans „Ende der Welt“

Hurra, das Wetter passt! Unser Wunschziel Finisterre wird erreichbar sein und so gelangen wir als segelnde Pilger tatsächlich auch noch an den Zielpunkt des Jakobsweges, zum Kap Finisterre, oder Fisterra. Dort gibt es sogar einen Steg für Ankömmlinge wie uns. Kostenfrei!

Der Tag beginnt mit einem spektakulären Sonnenaufgang und wir sind so früh wie möglich wieder unterwegs. Die Sonne verwöhnt uns, das Meer ist etwas aufgewühlt aber dennoch friedlich und es gelingt uns schon gegen Mittag festzumachen.

Gleich tauschen wir die Segelkleidung gegen die Wanderkleidung aus und begeben uns die letzten Meter hinauf zum Kap mit Leuchtturm. Hier sind doch erstaunlich wenige Pilger zu Fuß unterwegs, dafür gibt es aber eine breite Teerstraße und einen großen Parkplatz für Reisebusse, einen Souvenirladen, ein Gourmethotel und eine laute Schar von Bustouristen.

Der Ort hat wenig Heiliges, wahrscheinlich sollte man die Abendmesse unten in der Dorfkirche besuchen, wenn man das Ende der Pilgerreise feierlich abschließen möchte.

Aber der Blick hinaus in die endlose Weite ist trotzdem erhebend und schön. Uns schwirren Beschreibungen aus literarischen Werken im Kopf herum und wir suchen nach stimmigen Augenblicken. Die finden wir beim Betrachten der Natur mit all ihrer Schönheit, aber auch mit ihrer Wucht und Dramatik. Kaum zu glauben, dass wir hier oben stehen und uns das „Ende der Welt“ ohne Nebel und Starkwind anschauen können.

Dann entfliehen wir dem „Gipfelrummel“ und trudeln dankbar wieder hinunter ins Fischerdorf.

Im Norden Galiciens

Wieder brechen wir zeitig auf. Die Nacht war sehr unruhig, weil unablässig Fischerboote ein- und ausfuhren. Auf dem Weg nach Nordgalicien passieren wir etlichen Kaps, erleben einige Winddreher, Schauer, Sonnenstunden. Aber immer ist der Blick frei. Manche Biegung kommt uns bekannt vor, manche Streckenabschnitte sind wir in entgegengesetzter Richtung genau so gefahren wie heute. Die Linien auf dem Plotter zeigen uns die vergangene Route an. Wir wissen und spüren, dass der Norden uns wieder hat. Es ist hier deutlich kälter und rauer. Ein Rettungshubschrauber unternimmt einen Übungsflug. Dann weitet sich die Buchtlandschaft, wir lassen Camerinas an Steuerbord liegen. Später sehen wir in der Ferne die große Bucht vor Coruna immer näher kommen, aber auch hier wollen wir nicht abbiegen. Eine Ankerbucht in der Ria de Ferrol soll uns für die kommenden Tage Schutz bieten. Alles klappt wie geplant. Der Anker fällt in der stillen Bucht mit dem Dorf Mugardos. Wir sind froh und glücklich, die Westküste der iberischen Halbinsel gemeistert zu haben.

Galicien, Ria de Ferrol

9.Mai bis 15.Mai

Was für ein wunderbarer Ankerplatz! Es duftet nach Eukalyptus und Pinien, die Hänge um die Bucht strotzen vor Grün und Feuchtigkeit, sind gesprenkelt mit Blütensträuchertupfen und bunten Häuserchen. Drüben an der anderen Seite liegt die Garnisonsstadt Ferrol, ausgestattet auch mit einem größeren Hafen, der zu einem Kreuzfahrtschiffsterminal ausgebaut werden soll. Manchmal erreichen uns gutmütig die Wellen der ausfahrenden Dickschiffe und Militärboote, Lotsenschiffe und Ausflugsboote. Vorerst ist zum Glück hier aber noch alles beschaulich, wir liegen ruhig und sicher, sehen im Wechsel der Gezeiten dicke Felsen aus dem Wasser ragen, betrachten den kleinen Sandstrand, das Dörfchen Mugardos und die sich nach oben schraubenden Bergwege. Hier warten wir auf das nächste günstige Wetterfenster für die Biskayaüberquerung und nutzen die uns zur Verfügung stehenden Tage für Wanderungen und Bootsvorbereitungen.

Hinauf, hinter und um den Berg

Was für eine schöne Gegend! Dieser Tag gehört dem Wandern und wir haben uns vorgenommen, den „Hausberg“ neben Frodo zu umrunden und eventuell auch zu besteigen. Unterwegs finden wir eine Landschaft vor, die auch als Filmkulisse zu „Herr der Ringe“ passen würde. Triefend nasse, grüne Berghänge, steinige Pfade, weite Blicke übers Meer und auf die Ria, alte Festungen und Mauern, Kirchen und ein Kloster, ursprünglich und archaisch. Beim Anblick eines rostigen Festungstores, eingerahmt von steingrauen Türmchen, stelle ich mir vor, wie es wäre, wenn die Metalltüren quietschend und langsam aufschwingen würden und ein Nazgul in die Szene ritte. Könnte passen. Es duftet nach Sommer. Kaum eine Menschenseele ist gerade wandernd unterwegs und wir staunen über dieses herrliche Fleckchen Erde! Ab und an begegnen wir Mountainbikern. Es gibt hier eine große Zahl von teilweise sehr anspruchsvollen Trails mit Schanzen und Schikanen. Beim Blick aus der Ria hinaus auf das Meer werden wir sowohl ehrfürchtig als auch sehnsuchtsvoll. Vom Gipfel schauen wir weit in die Ria hinein. Wenn das alte Kloster wieder aufgebaut sein wird und die beiden „Wächterfestungen“ am Eingang zur großen Bucht vor Ferrol restauriert sind, dann werden die Reisebusse über geteerte Straßen täglich viele Besucher ausspucken, die mit Kreuzfahrtschiffen hier angelandet sind. Dies wird die Gegend nachhaltig umkrempeln. Wir können uns vorstellen, dass innerhalb der kommenden fünf bis zehn Jahre große Veränderungen vor sich gehen werden. Momentan aber umfängt uns die Stille und Einsamkeit der Vorsaison und wir sind froh, die Ria Ferrol gerade jetzt kennen gelernt zu haben.

Drüben in Ferrol

So gegensätzlich, wie uns die Ria Ferrol erscheint mit ihrer wunderbaren Natur, den stillen Buchten, eher ärmlichen oder einfachen Bebauungen und genügsamen Fischerdörfern, Klostrerruinen und archaischen Festungen einerseits und der Industrieseite mit Metallverarbeitung, Riesenwerften, Großindustrie, Marinestützpunkt, Kreuzfahrtschiffsanlegestelle andererseits, so vielschichtig und gegensätzlich begegnet uns die Stadt Ferrol mit ihrer Einwohnerschaft. Ihr Gesicht ist weder makellos noch langweilig, aufgemöbelt oder heruntergekommen. So wechselvoll wie die stetig sich ändernden Machtverhältnisse und Einflussbereiche der jeweiligen Epoche, so verworren und überbaut scheinen die Mauern und Fassaden. Wir lesen, dass man sich gerade anschickt, aus diesem Fleckchen Erde einen neuen, groß angelegten Ausflugspunkt für die Reiseindustrie zu schaffen. So betrachten wir die Straßen und Gassen noch einmal melancholisch intensiv, um den „alten Charme“ in uns aufzunehmen. Die typischen hohen Häuser mit ihren verglasten Balkonen sind noch nicht ins Piekfeine und Schnieke renoviert worden. Wahrscheinlich sind die Mieten hier für die Einheimischen noch bezahlbar. Die Wasserseite gehört der Marine und dem Hafen und den mondänen Gebäuden der Stadt. Große stattliche Bankgebäude und breite Straßen bestimmen das Bild. In der zweiten Reihe dann die Bürgerhäuser, teils mondän und im Gründerzeitchick, entstanden in der Blütezeit der Industrie, immer mit Balkon und Verzierungen. In der dritten Reihe dann engere Gassen mit schmaleren Häusern und dunkleren Wohnungen. Irgendwo dort finden wir dann tatsächlich auch das angebliche Geburtshaus des Generalissimos Franco nebst angebrachter Ehrentafeln (?!) und diese sind standesgemäß mit Farbbeuteln beworfen worden. Wie sollte man mit solch einem „Erbe“ umgehen?

Die Menschen, die uns vormittags und mittags auf der Straße begegnen haben scheinbar Zeit. In den Kaffes am Hafen sitzen wenige Touristen. Gestern verließ ein riesiges Kriegsschiff mit großem „Tam Tam“ die Bucht. Wir bekommen keine Soldaten zu Gesicht.

Zwischen Wirklichkeit und Illusion

Auf der Suche nach Einzigartigem werden wir dann reich beschenkt. Wir bekommen die Möglichkeit, durch ein wundervolles Freilichtmuseum zu wandern und lernen das mittlerweile berühmte Canido – Viertel kennen. Der Maler Eduardo Hermida, angetrieben von Liebe zu Ferrol und Gesellschaftskritik, beschloss, die Kunst aus den Museen in die Straßen seiner zunehmend vom Verfall bedrohten Heimatstadt zu holen. So bemalte er ab dem Jahr 2008 Fassaden im Stadtteil Canido, einem ehemaligen Fischerdorf und späteren Industriestadtteil, das zu diesem Zeitpunkt vom Verfall bedroht war. Gemeinsam mit Sponsoren rief er ein farbenreiches Projekt ins Leben, welches immer größere mediale Kreise zog und Künstler aus aller Welt anlockte. Es entstand im Verlauf vieler Jahre ein sich ständig erweiterndes einzigartiges Kunstviertel inmitten von Wohnhäusern, Schulen, Wohnblocks und Hütten. Bezug nehmend auf den berühmten spanischen Maler Velázquez und eines seiner bekanntesten Gemälde „Las Meninas“ füllten sich Mauern und Häuserfassaden mit unterschiedlichsten Kunstwerken in verschiedenen Stilen. Im Mittelpunkt stehen dabei junge Frauen und Mädchen, die vielschichtig und hintersinnig zwischen Realität und Illusion abgebildet sind. Als ihre Begleiter werden Hofnarren, Bedienstete und ein selbstbewusster Maler (Selbstbildnis) dargestellt und betrachtet werden sie vom königlichen Paar durch einen Spiegel.

Wir sind begeistert! Jeder Schritt durch das Viertel verändert die Perspektiven. Je länger man schaut, umso mehr entdeckt man. Oft erschrickt man fast, wenn man eine Straße ein zweites Mal von einer anderen Seite betritt, weil sich neue Bilder auftun, die man beinahe übersehen hätte. Wir verstehen die Symbolik oft nur vage, aber das genügt uns erst einmal zum Lustwandeln. Zugegeben „Take nothing but fotos“ bekommt hier eine völlig neue Dimension, denn wir können das Museum mitnehmen und werden es später mit euch teilen.

Abschied von Galicien

14.Mai und 15.Mai 2026

Diese beiden Tage stehen ganz im Zeichen der Vorbereitungen für unsere Biskaya – Überquerung. Wir proviantieren, reparieren, verstauen, sichern und hoffen, dass die Wettervorhersagen stimmen. Einen letzten Blick werfen wir auf den Fischerhafen von Mugardos. Dankbar nehmen wir Abschied von Galicien, von Spanien, froh über jeden Augenblick, den wir als Gäste in diesem so großen und vielseitigen Land erleben durften.