Wenn man wochenlang vor Anker liegt, bekommt man Anstand zum Trubel und Treiben der Welt und man wird genügsam. Doch dann kommt das Kontrastprogramm, Ankommen in einer neuen Welt, man steigt auf den Leuchtturm von Nazaré oder in einen profanen Linienbus und plötzlich ist man mitten in den Wogen der Weltgeschichte. Offenbarungen dieser Art haben wir mehrfach in diesem Jahr erleben dürfen.
Von Nazaré aus zur Seele Portugals
Wo die Wellen den Himmel berühren
Die Willkommenskultur im Club Naval Nazaré (CNN) verdient einen eigenen Absatz. Nicht allein die gepflegten Anlagen beeindrucken, sondern vor allem die aufrichtige und zugewandte Art der Menschen. Selten haben wir in einer Marina eine so lebendige Form von Hilfsbereitschaft und einen Zusammenhalt unter Seglern erlebt. Der herzliche Empfang, die selbstverständliche Unterstützung beim Schweißen unserer Maststufe oder beim Organisieren von Ersatzteilen sowie die täglich gepflegten sauberen Anlagen zu fairen Preisen spiegeln eine Haltung wider, die diesen Ort besonders macht und die wir auf unserer Reise gerne öfter erlebt hätten.
Nazaré ist die Heimat der höchsten Wellen der Welt, das wussten wir. Dass Nazaré so faszinierend sein würde, hatten wir jedoch nicht geahnt. Ja, wir kannten die YouTube-Clips der Big-Wave-Surfer. Durch den 230 km langen und bis zu 5 km tiefen Nazaré-Canyon, einen der tiefsten Unterwasser-Canyons Europas, werden die Wellen hier bis zu unfassbaren 30 Meter hohen brechenden Monsterwellen aufgepeitscht. Es ist das europäische Hawaii, nur rauer. Wie wir erfahren hält der deutsche Big-Wave-Surfer Sebastian Steudtner den Weltrekord für das Surfen der höchsten Welle der Welt in Nazaré.
An unserem zweiten Tag haben wir Glück. Wir dürfen die "kleinen Schwestern" der Monsterwellen bestaunen und beobachten Surfer, die mit ihren Jetski-Fahrern trainieren. Wir stehen oben auf dem berühmten Felsen neben dem Leuchtturm Farol da Nazaré, es weht kaum Wind, doch unten kracht der Atlantik mit einer solchen Wucht an die Küste, dass es nur so donnert und die Erde vibriert. Hunderte Meter breite, weiße Gischtteppiche breiten sich aus. Wir stehen wie gebannt und können uns kaum sattsehen, es ist ein atemberaubendes Spektakel. Kaum vorzustellen, wie es sich anfühlen muss, vor einer solchen Riesenwand aus tosendem Wasser im Rücken herzufahren. Bei den ganz großen Kaventsmännern fahren die Surfer hier bis zu 100 km/h schnell. Bricht die Welle über ihnen zusammen, wird es ernst. Die Wasserlast ist enorm, die Zeit bis man wieder zum Atmen an die Oberfläche kommt kann lang werden und dann bricht auch schon die nächste Welle über einem zusammen. Die Jetskifahrer haben oft nur ein sehr kurzes Zeitfenster, ihren Surfer zu bergen. Schwimmwesten mit großer Auftriebskraft helfen, die Sicherheit zu verbessern.
Wir fragen uns natürlich auch, wie sicher es ist, mit dem Segelboot hier vorbeizufahren. Auf unserer Hinfahrt sind wir weit draußen vor der Küste Nazarés gesegelt, demnächst müssen wir aber genau durch diesen Wellencanyon nach Norden. Die Antwort gibt uns Antonio von der Marina und erzählt, wie vorne die Weltelite der Big-Wave-Surfer auf Monsterwellen und daneben vor der Hafeneinfahrt ihr örtlicher Jugendkurs mit Optis trainierte. Die Wellen sind ein lokal sehr begrenztes Phänomen.
Nazaré als Startpunkt für Ausglüge
Nazaré ist der ideale Startpunkt, um mit dem Bus einige der wichtigsten Sehenswürdigkeiten Portugals zu erkunden. Darunter befinden sich mehrere Welkulturerbe- Stätten.
Óbidos und Caldas: Von beschenkten Königinnen und Keramik
Óbidos. Es ist ein Mittelalterstädtchen wie aus einem Bilderbuch. Alles ist für uns Touristen hergerichtet, weiß, blau und gelb, überwuchert von Blumen und Grün. Über Jahrhunderte war Óbidos das Hochzeitsgeschenk der portugiesischen Könige an ihre Frauen. König Dinis I. war frisch vermählt mit seiner Frau, der heiligen Isabel von Aragon. Als sie das erste Mal gemeinsam Óbidos besuchten, war die Königin so verzückt von der Schönheit des Ortes – den weißen Häusern, der wehrhaften Burg und dem Blick über die Lagune –, dass der König ihr den Ort kurzerhand schenkte. Aus dieser romantischen Geste wurde eine feste Institution. Fortan gehörte Óbidos zum persönlichen Besitz der jeweiligen Königin von Portugal.
Ein ganzes Dorf als Morgengabe! Wir spazierten ohne Sicherungszaun über die wehrhaften Mauern, tranken einen Ginjinha (Kirschlikör) aus einem Schokoladenbecher und fühlten uns für einen Moment selbst königlich beschenkt, während wir den Blick von oben über das bergige Umland schweifen ließen und im Torbogen ein Gitarrist für uns Touristen eine Mischung aus Fado und "Blackbird" spielt.
In Caldas da Rainha schließlich tauchten wir in den Alltag ein. Es ist die Stadt der Königin Leonor, die hier das älteste Thermal-Krankenhaus der Welt gründete, weil sie an die Heilkraft des schwefelhaltigen Wassers glaubte. Wir schlendern durch den frühlingshaften Park, entdecken die schwarze Schwanenfamilie und sehen, wie man um den Erhalt der maroden Gebäude zu kämpfen scheint. Heute ist Caldas aber vor allem die Stadt der Keramik. Überall begegnet einem der Geist von Bordallo Pinheiro – mal als riesige Kohlblätter oder ulkige Figuren aus Porzellan, mal als freche Keramik-Schwalben an den Hauswänden. Es ist dieser wunderbare portugiesische Mix aus Hochkultur und charmantem Eigensinn.
Alcobaça: Wo die Liebe den Tod besiegt
Unser nächster Tag galt Alcobaça. Wer glaubt, er wisse, was eine Küche ist, der war noch nicht in diesem riesigen Zisterzienserkloster. Die Mönche dort haben nicht einfach nur gekocht; sie haben den Reichtum des Landes auf monströsen Steintischen zerlegt und zubereitet. Unter einem Megakamin so groß wie ein Kirchenschiff haben sie Feuer gemacht und gekocht. Die Küche ist so riesig, dass man darin ein ganzes Schiff hätte parken können, und durch die Mitte floss damals ein eigener Arm des Flusses Alcoa, damit die Fische fangfrisch direkt in den Topf schwimmen konnten. Man riecht den Braten förmlich noch heute.
Aber das Herz von Alcobaça schlägt woanders, nämlich zwischen zwei prachtvollen Steinsarkophagen. Hier liegen sie: Pedro I. und Inês de Castro. Es ist die tragischste Liebesgeschichte Portugals – eine Geschichte von verbotener Liebe, Mord und einem Wahnsinn, der über das Grab hinausreicht. Pedro ließ seine ermordete Geliebte posthum zur Königin krönen und befahl, dass ihre Sarkophage sich Fuß an Fuß gegenüberstehen. Warum? Damit sie sich am Tag der Auferstehung, wenn sie sich aus dem Marmor erheben, als allererstes direkt in die Augen sehen können. Man steht vor diesem filigran gemeißelten Stein mit der Kamera in der Hand und schluckt erst einmal, jede Sargseite ist ein figürliches Geschichtenbuch, ist versteinerte Melancholie.
Batalha: Die Schönheit des Unvollendeten
Nur ein paar Kilometer weiter wartet Batalha, und wenn Alcobaça die blutige Liebe ist, dann ist Batalha der pure Triumph. König João I. hatte dieses Kloster versprochen, falls er die Schlacht gegen die Kastilier gewinnen würde. Er gewann, und das Ergebnis ist ein wahrlich königliches Geschenk aus Manuelinik und Gotik.
Man verliert sich in den Details: das Licht, das durch die riesigen, farbigen Glasfenster fällt und den kühlen Boden in ein Mosaik aus Violett und Gold verwandelt. Weltberühmt geworden aber ist mal wieder das Unvollkommene - die Capelas Imperfeitas, die Unvollendeten Kapellen. Ihr detailreiches Eingangsportal sieht aus als hätte jemand Spitze aus Stein geklöppelt. Die Kapellen stehen dort ohne Dach, offen zum Himmel, die Turmstümpfe sind ein filigranes steinernes Spitzenwerk, das niemals fertiggestellt wurde, weil dem König das Geld oder die Lust ausging – oder weil Gott selbst fand, dass es schöner ist, wenn die Wolken durch die Bögen ziehen – ein wahrer Postkartenblick.
Doch für die Portugiesen ist die eigentliche "Liebesgeschichte" dieses Ortes die Verbindung von João und Philippa. Sie begründeten die "Inclita Geração" (die glanzvolle Generation), aus der unter anderem Heinrich der Seefahrer hervorging. Ihre Ehe galt als außergewöhnlich harmonisch und legte den Grundstein für das goldene Zeitalter Portugals.
Im Gegensatz zu Alcobaça stehen ihre steinernen Sakophage in Batalha nebeneinander und João und Philippa halten sich bei der Hand. Seit 600 Jahren halten sie sich im kühlen Stein an den Händen und scheinen uns zu sagen: "Seht ihr, es kann auch gut ausgehen." Es ist die Liebe, die nicht am Dolch scheiterte, sondern ein ganzes Weltreich erschuf.
Zurück an Bord
War es nun Schicksal, eine Laune der Wetterkarte oder unsere Planung? Wahrscheinlich von allem ein bisschen – und am Ende ist es ohnehin gleichgültig. Da sind wir nun, zwei Segler, die eigentlich nur dem rauen Nordwind entkommen wollten und stattdessen unversehens in der tiefen, wehmütigen und so unendlich prachtvollen Seele Portugals gelandet sind. Und genau darin liegt das eigentliche Privileg dieser Art zu reisen. Wenn Wind und Wetter ohnehin den Takt diktieren, bleibt einem gar nichts anderes übrig, als sich hinzugeben. Man nimmt sich völlig ungeplant ein, zwei Wochen Zeit, kehrt dem Ozean für einen Moment den Rücken und macht sich auf den Weg ins Landesinnere, um am Ende etwas besser zu begreifen, an was für einem wunderbaren Ort man da eigentlich gestrandet ist.
Wir fühlen uns wohl in Nazaré. Es ist (noch) nicht zu überlaufen und trotzdem erleben wir ein internationales Publikum - wir begegnen Holländern, Franzosen, Australiern, Amerikanern, Deutschen, Engländern… Wir bleiben insgesamt 8 Tage hier, bekommen noch ein paar Ersatzteile aus Deutschland geliefert, bauen unsere kaputte Maststufe, die Antenne und das Antennenkabel und planen nun doch noch eine weiter Station in Portugal: Aveiro – das Venedig Portugals und sind schon ganz gespannt.
Galerie: Nazaré und Umgebung