4°C in Dover!
Es ist Anfang April. Wir liegen an der sonnigen Algarve vor Anker, während der Wetterbericht für Dover frische vier Grad Celsius meldet. Wollen wir wirklich schon zurück in den Norden? Ganz klare Antwort: NEIN!!! Wir verlängern unseren Sommer einfach um ein paar Wochen, schwingen uns ein in den Rhythmus der Natur und leben fast autark. Die Sonne speist unsere Solarpaneele, unser Wassermacher verwandelt den Atlantik in Trinkwasser, und damit kochen wir den vielleicht besten Cappuccino der Welt. Wir erkunden mit dem Beiboot einsame Strände, schwimmen, schreiben an der Webseite, schrauben am Boot und lernen wunderbare Menschen kennen.
Der eigentliche Plan lautete: Im April die Westküste Europas hochzufahren. Aber mal ehrlich, niemand sprach von Anfang April!
Der Respekt vor der Küste
Was uns erwartet nenne ich – vielleicht etwas vermessen - unsere „Nordwestpassage“. Nach der Biskaya ist es genau dieser Abschnitt vor der Portugiesischen Westküste vor dem wir den größten Respekt haben. Warum? Orcas und Fischerbojen hatte wir auch schon auf dem Hinweg. Aber: An dieser kontinentalen Westküste ist einfach alles gegen uns. Da setzt der kalte Kanarenstrom von Nord nach Süd und schaufelt arktisches Wasser nach Afrika. Dem können wir nicht entrinnen und sind einfach mal die ganze Zeit ungefähr einen Knoten langsamer unterwegs. Der vorherrschende Wind heißt nicht umsonst Nordade und richtet sich, wie die Wellen auch, gegen uns.
Bei der echten Nordwest - Passage in der Arktis zwischen Pazifik und Atlantik werden die Boote sogar noch offiziell gezählt. Bis Ende 2025 gab es insgesamt 1.417 erfolgreiche Durchfahrten. Ganz so verrückt ist es zum Glück bei uns nun doch nicht. Mit der Großwetterlage zeichnet sich unser Plan ab: Es gibt eine längere Phase mit ruhigem Wetter, Wellen unter 2 Meter, Gegenwind unter 10 Knoten. Damit wir die vielen schlecht markierten Fischfallen im Atlantik vor Portugal sehen, planen wir die Westküste in 6 Etappen bei Tageslicht fahren – leider unter Motor, aber auf Segelwind zu warten ist so gut wie aussichtslos. Sagres – Sines: 60,4 NM, Lissabon: 54 NM, Nazaré: 67,2 NM, Aveiro: 67,8 NM, Porto: 30 NM, Vigo: 31 NM – und schon sind wir in Nordspanien. Sontag los und noch vor dem Wochenende in Nordspanien. Naja, jeder weiß, Pläne können sich ändern. Dieser schöne Plan wurde schon nach 3 Stunden Fahrt das erste, aber nicht das letzte Mal, über den Haufen geworfen.
Kühle Westküste, Erdbeben und Riesenwellen
Die Westküsten der Kontinente unserer Erde gleichen sich verblüffend: dramatische Steilküsten, permanente Gefahr von schweren Erdbeben, kalter Küstennebel, polare Meeresströmungen, Riesenwellen und grüne Vegitation. Vor diesen Abbruchkanten der Kontinente liegen tausende Kilometer offener Ozean. Ohne Hindernisse reisen Wellen von den schweren Sturmtiefs weit draußen zu den Küsten. So kann es geschehen, dass man in Nazaré/ Portugal entspannt bei Windstille und Sonnenschein neben dem Leuchtturm steht und Surfer auf den höchsten Wellen der Welt bestaunen kann.
Egal ob in Lima, San Francisco, Oregon oder eben in Nazaré überall diktieren kalte polare Meeresströmungen das Leben und das Wetter. Sie heißen Humboldtstrom, Kalifornienstrom oder Kanarenstrom und alle schaufeln sie arktisches Wasser vor sich her und produzieren kühlen Küstennebel. Was in San Francisco wie ein alter Bekannter, „Karl the Fog“, genannt wird, heißt in Lima „Garúa“ und hüllt die Küste monatelang in ein undurchdringliches, nasses Grau. Und wer morgens in Nazaré oder an der wilden Costa Vicentina aufwacht, erlebt genau dasselbe magische Schauspiel: Die flirrend warme Landluft der iberischen Halbinsel trifft auf den eiskalten Atlantik, und ein dichter, mystischer Nebel – der portugiesische Nevoeiro – kriecht wie ein atmendes Wesen über die Klippen. Dieser Nebel legt sich als feuchtes Tuch über die Küste und weicht oft erst am Mittag und bleibt oft kurz vor der Küste hängen, um sich bei der ersten Gelegenheit wieder darüberzuschieben. Er ist das Geheimnis, warum die Flora hier trotz der unbarmherzigen südlichen Sonne so wunderbar saftig und lebendig bleibt.
Wenn man dann wenig später am Ufer des Tejo in Lissabon steht, auf die gigantische rote Hängebrücke blickt und einem dieser salzige Nebel ins Gesicht weht, hat man unweigerlich ein komplettes San-Francisco-Déjà-vu. Und das ist keineswegs Einbildung: Die Ponte 25 de Abril sieht nicht nur aus wie eine Schwester der Golden Gate Bridge, sie wurde in den Sechzigerjahren tatsächlich von derselben amerikanischen Stahlbaufirma errichtet, die auch die mächtige Bay Area Bridge in Kalifornien erbaut hat. Erdbensicherheit ist hier ein wichtiges Baukriterium gewesen. Man reist ans westliche Ende Europas und fühlt sich plötzlich, als stünde man am Rande des Pazifiks.
Pläne sind da, um geändert zu werden
Unsere Strategie stand fest: Sechs Tagesetappen. Von Sagres über Sines, Lissabon, Nazaré, Aveiro und Porto hoch nach Vigo in Spanien. Sonntag los, Freitag da - zu charmant um zu gelingen.
In Portimão bereiten wir uns vor. Wir kaufen Vorräte für eine Woche, kochen und backen vor, um auf See keine Zeit unter Deck zu verlieren, Brot, Kuchen, Nudeln und verstauen alles, was bei Wellengang zum Wurfgeschoss werden könnte. Das schließt, schweren Herzens, auch unsere geliebte italienische Espressomaschine ein. Von nun an gibt’s den Löslichen von Nestlé.
Am Nachmittag segeln wir bei leichtem Wind aus Portimão heraus. Wir wollen uns vor dem Kap in einer Bucht bei Sagres ankernd für den frühen Start am nächsten Morgen in Position zu bringen. Doch ein unerwarteter mächtiger Schwell rollt aus Südwest heran. Unsere anvisierte Ankerbucht ist genau in diese Richtung offen. Die Vorstellung, hier eine Nacht lang hin und her geworfen zu werden, um am nächsten Morgen unausgeschlafen in See zu stechen, ist wenig verlockend. Plan B muss her, und er lautet: Durchfahren. In die Nacht hinein.
Zwischen Wellenbergen und Sternen
Noch vor Erreichen des Südwestkaps bereiten wir uns auf das unerwartete, eine Nachtfahrt gegenan, vor: Warme Unterwäsche, Ölzeug, Stirnlampen, Schwimmwesten. Vorsorglich schlucken wir Tabletten gegen die Seekrankheit, denn am Kap mischt sich der Südwestschwell nun mit Wellen aus Nordwest zu einer chaotischen See. Wir fahren weiter hinaus, weg von der Küste, um den unbeleuchteten Fischerbojen auszuweichen.
Dann senkt sich die Sonne über dem Cabo de São Vicente. Es ist überwältigend. Wir sind zum zweiten Mal mit FRODO am südwestlichsten Zipfel Europas. Das Boot tanzt auf den Wellenbergen, wir klammern uns mit einer Hand fest, in der anderen den Auslöser der Kamera. Es ist rau, aber wunderschön. Durch die Kursänderung peilen wir nun direkt Lissabon an und überspringen unseren ersten Stopp in Sines.
Alles geht gut. Keine Orcas, keine Fischerleine im Propeller, dafür ein bald ruhigerer Atlantikschwell. Statt am späten Nachmittag werfen wir schon um 14 Uhr vor Cascais/ Lissabon den Anker. Es ist ein bisschen wie Nachhausekommen, schließlich haben wir hier schon einmal ein ganzes Jahr verbracht. Die Bucht pulsiert vor Leben: Tagesausflügler, laute Musik, Badegäste und Surfer auf ihren Foils. Wir gönnen uns eine Mütze verdienten Schlaf.
Die Wetter-Blockade und der rettende Hafen
Durch die Nachtfahrt sind wir unserem Plan einen Tag voraus und gleiten bei Sonnenaufgang und ruhiger See in Richtung Nazaré. Doch ein Blick auf die Wetterkarten bringt die endgültige Wende: Ein massives Hochdruckgebiet hat sich über Nordeuropa festgesetzt. Es lenkt eisige Kaltluft in die Ostsee, bläst ohne Unterlass Nordostwind in die Biskaya und überzieht Nordspanien mit Regen. Selbst wenn wir jetzt durchziehen würden, säßen wir in Spanien für Wochen im kühlen Schmuddelwetter fest.
Wir zögern nicht lange. Nazaré – Heimat der Riesenwellen und eines hochgelobten Yachtclubs – soll nicht nur ein Nachtstopp sein. Wir kommen, um zu bleiben.
Und Nazaré erwies sich, wie unser Hafenführer es versprochen hatte, als der perfekte Ausgangspunkt für unsere Streifzüge in die portugiesische Seele. Wir sahen die Wellen, dann ließen wir das Boot sicher im Hafen liegen und nahmen den Bus. Wir schlenderten durch Caldas da Rainha, tauchten ein in die Kunst und die Atmosphäre der alten Thermenstadt. Wir liefen über die wehrhaften Mauern des malerischen, mittelalterlichen Óbidos, das mit seinen blumengeschmückten Gassen wirkt, als sei die Zeit stehen geblieben. Und wir ließen uns von der schieren architektonischen Wucht und Stille der gigantischen Zisterzienserklöster in Alcobaça und Batalha – beides UNESCO-Weltkulturerbestätten – den Atem rauben. Sogar den portugiesischen Tag der Befreiung, den 25. April, durften wir hier miterleben.
Manchmal ist es eben das Beste, was einem passieren kann, wenn ein Plan nach nur drei Stunden über den Haufen geworfen wird. Wer beim Segeln starr an seinem Ziel festhält, verpasst oft die schönsten Häfen, in die ihn das Schicksal eigentlich treiben wollte.