Bekannte Orte, aber „alles auf Anfang“

31. März 2026

Mit gemischten Gefühlen laufen wir in die Ria Formosa vor Faro ein. Wer unsere Einträge zur Algarve im letzten Herbst gelesen hat, kennt einige Gründe für unsere verhaltene Freude, an Orten anzukommen, die wir hier bereits kennen gelernt haben.

Wieder ist es sommerlich warm und wir liegen neben Culatra ganz in Landnähe. Die ersten beiden Vollmondnächte sind so ruhig und windstill, dass wir an Bord fast meditativ in die Landschaft schauen und eintauchen können. Nach Einbruch der Dunkelheit wird es tief sinnlich, denn der süße und schwere Blütenduft eines uns nicht bekannten Gewächses betört uns regelrecht.

Die kommenden Tage werden ganz im Zeichen des nahenden Osterfestes freudig in unserer Erinnerung bleiben. Zwar rasen die Fischer wie gehabt Wellen schlagend an uns vorbei, aber die Ausflügler sind zumeist Portugiesen, die wohl für einen Kurzurlaub hierher gekommen sind. An den Stränden tummeln sich Wanderer, die Natur erwacht und die Menschen strahlen Zuversicht und Zufriedenheit aus. Wir erleben einen freundlichen Saisonstart und bleiben länger als ursprünglich geplant in der Ria Formosa.

Wandern, wandern, wandern

1. April 2026

Unsere Wanderungen starten entweder im Fischereihafen von Culatra oder direkt nebenan am Strand. Mehrmals laufen wir vom Farol aus am Meer entlang. Mit Gandalf fahren wir auch zu Nachbarinseln, erkunden die Ilha Deserta und die Ilha Baretta. Oftmals gibt es ein Wegesystem aus Holzbohlen, damit wir die naturgeschützte Landschaft in Ruhe lassen und dennoch betrachten können.

Neue liebe Seglerfreunde

2. April 2026

Unsere Freunde von der „Mariposa“ empfehlen uns, nach der „Bigfoot“ Ausschau zu halten, die vor Culatra vor Anker liegen soll.

Schnell finden wir Steffi und Jörg Hattemann auf ihrer hübschen Koopmans und laden sie zum Kaffeetrinken ein.

Irgendwie ist es wieder „Liebe auf den ersten Blick“, denn die beiden Segler, Handwerker und vor allem Netzwerker sind uns super sympathisch und „zack“ sind wir mitten in der sich nun bildenden TO-Gemeinschaft angekommen, was für uns zum „Gamechanger“ der kommenden Tage werden wird.

Die erste wichtige Erkenntnis: Für viele Segler aus Deutschland beginnt gerade jetzt und hier die neue Saison. Zweitens: Steffi und Jörg sind „Ortskundige“ und verraten uns, wo man das Beiboot problemlos anlanden kann, welche Produkte wo gut zu besorgen sind, was man sich noch anschauen könnte und wo man ruhiger vor Anker liegen sollte.

Vor allem stellt sich aber eine kleine Vorfreude auf Austausch und Gesellschaft ein und weil uns Portimao Marina gerade eine Absage für die Ostertage gesendet hat, beschließen wir, auf das Anschauen von Prozessionen zu verzichten und besser vor Anker liegen zu bleiben.

So verbringen wir den Karfreitagabend still bei Vollmond an Bord.

Ostersamstag: Markt in Olhao

4. April 2026

Wieder fahren wir mit Gandalf nach Olhao. Dieses Mal nutzen wir einen Steg direkt vor den beiden Markthallen, an dem Fischer festmachen und verstauen das Beiboot unter der Brücke. Dann beobachten wir, wie die Fischer das umzäunte Tor umklettern und machen es ihnen nach. Zugegeben, es sieht etwas gefährlich aus, aber es geht einfacher als gedacht. Und schon sind wir drin im frühsommerlichen Markttreiben mit bunten Blumen und Gewürzen, leckeren Nüssen, Obst und Gemüse vom Kleinbauern. Nichts ist zu spüren von der Anspannung des letzten Herbstes. Überall herrscht gelassene Freundlichkeit und entspannte Herzlichkeit. Na, liebes Olhao, dann müssen wir uns wohl bei dir entschuldigen, hatten eventuell im vergangenen September einfach Pech, oder eben nicht die echten Portugiesen erwischt?

Beim uns bekannten Bäcker kaufen wir Brötchen für das bevorstehende TO Grillen, welches Steffi und Jörg angeregt und organisiert haben.

Als wir vollgepackt mit unserem Einkauf zum Steg zurückkehren, liegt Gandalf immer noch sicher unter der Brücke. Was für ein Glück!

Fröhliche und interessante Runde

Nachdem wir unseren Einkauf verstaut haben, springen wir wieder ins Beiboot und fahren am Fischerdorf Culatra und den Seepferdchenstränden vorbei zum neuen Ankerplatz der „Bigfoot“ und dem nahen Strand. Der Grill ist bereits aufgebaut und nach und nach trudeln immer mehr Segler ein. Ein reger bereichernder Austausch beginnt, gutes Essen wird geteilt, Fleisch und Kartoffeln werden gebrutzelt und Getränke „mit und ohne“ machen die Runde.

Wir sind mal wieder die Ausnahme bezüglich unseres Reisezieles Deutschland. Fast könnte man meinen, dass die Gesprächspartner uns etwas bemitleiden. Deren Pläne: Mittelmeer, Brasilien, Algarve. So bunt gemischt wie unsere Segelerfahrungen und Ziele auch sind, uns alle eint die Freude an der aktiven Art des Segelreisens. Es bleibt immer wieder Raum für Neues und Anderes. Schön, dass wir uns kennen lernen durften.

Umzug

5. April 2026

Am Ostersonntag frühstücken wir genüsslich und dann ziehen wir um zum Ankerplatz neben der „Bigfoot“. Hier kommen weniger Fischerboote vorbei und der großzügigere Schwojenraum wird uns mehr Sicherheit für die kommenden windreichen Tage und Nächte bieten. Außer uns, Steffi und Jörg liegt noch ein britischer Catamaran in der Bucht. Im Verlaufe der nächsten Tage werden immer mal wieder einige neue Nachbarn dazu kommen. So können wir beobachten, wie eine Allure planmäßig trocken fällt und wir hören die Geschichte eines jungen Seglerpaares, das mit kleinem Kind „über den großen Teich“ gereist ist, nun das Boot verkauft und in der Schweiz sesshaft werden will. Spannende und interessante Lebensläufe…

Ungemütlich wird es, als sich in der ersten Nacht unser Anker versetzt. Wir schlafen wenig, vertrauen aber in den kommenden unruhigen Tagen und Nächten immer mehr unserem gut funktionierenden Ankeralarm.

Wanderung zur anderen Durchfahrt

Am Ostersonntag wandern wir dann auch ein gutes Stück durch die Dünen und am Meer entlang zur anderen Durchfahrt zwischen Culatra und der Ilha da Armona. Zum Schluss waten wir noch durch einen Priel.

Erstaunlich und auch erschreckend, wie viel Müll überall angespült wurde und herumliegt. Der Schönheit der Natur tut das nicht gut.

Dennoch lieben wir diese Landschaft sehr.

Kalt und nass

7. April 2026

Wir trauen uns mit Gandalf auf die andere Seite der Bucht, um das dortige Urlauberdorf zu erkunden. Schon das Anlanden verspricht einen ruppigeren Verlauf unseres Ausfluges. Im Ort laufen die Vorbereitungen der Saison auf Hochtouren. Der Osterbesuch ist vorbei, letzte Reparaturen stehen an, überall herrscht geschäftiges Treiben. Zurück im Beiboot werden wir von der Heftigkeit der Wellen und des Windes doch überrascht. Pitschnass wärmen wir uns im Boot auf, es ist ungemütlich und kalt und auch die kommende Nacht verspricht noch einmal unruhiger zu werden.

Wieder schön

8. April 2026

Endlich wird das Wetter wieder ruhiger und schöner. Die kommenden Tage fühlen sich an wie Ostsee-Sommertage. Wir genießen in vollen Zügen, schreiben, paddeln, schwimmen, treffen uns mit den lieben Nachbarn und fahren nochmal gemeinsam nach Olhao. Thomas schafft es endlich, den Fliegen/Mückenschutz nochmal zu nähen. Wir nehmen auch den Wassermacher in Betrieb und schauen genau auf die Wetterentwicklung, um den „Absprung“ nicht zu verpassen.

Eine knappe Woche lassen wir es uns auf diese Weise gut gehen, dann müssen wir „Lebewohl“ sagen und weiter ziehen.

Zurück zur Einfahrt, die dann die Ausfahrt wird

14. April 2026

Wieder lichten wir den Anker um ihn weiter vorn vor Culatra noch einmal an der bekannten Stelle zu werfen. Wieder schenkt uns die Insel noch einen friedlichen, erfüllenden Abendblick.

Am Folgemorgen starten wir bei herrlichstem Wetter in den Tag und brechen auf nach Portimao, zutiefst dankbar für die vielen Sonnenstunden und Begegnungen in der Ria Formosa.

Portimao ohne viel Ausflugslärm, aber mit „emsigen Tagesgästen“

15. April 2026

Schon am frühen Nachmittag können wir unseren Anker vor Portimao im Rio Arade mit Blick auf die schönen Felsengebilde werfen. Gleich „satteln“ wir Gandalf und besuchen drüben die neu gebaute Urlauberstadt. Hier wimmelt es vor jugendlichen Touristen, die bei lauter Musik am Strand Volleyball spielen und trinken. Die beiden Marinas sind gut gefüllt, Platz gibt es dennoch. Es ist aber wie vermutet im Fischerdorf Ferragudo auf der anderen Seite viel, viel schöner. Zum Ausgleich düsen wir schnell noch an „unseren“ Strand. In den kommenden Tagen haben wir viel Freude daran, dass es nur wenige Ausflugsboote geben wird, die die Bucht beschallen. Unsere Abende werden von spektakulären Sonnenuntergängen in aller Stille gekrönt. Zwei Ausflüge ins Fischerdorf und eine Abschlusswanderung hoch über den Felsen bescheren uns wunderbare Stunden und lassen uns auch mit Portimao Frieden schließen.

Alarm!!!!

16. April 2026

Einen beängstigenden Zwischenfall gibt es dennoch. Gegen Mittag erzählt mir Thomas, vorm Kapitänspult mit dem Rücken zum Ausgang sitzend, dass irgendwo anscheinend eine Drohne unterwegs ist.

Beim Blick nach Draußen entdecke ich die Urheber des tief surrenden Geräusches: Ein Schwarm Bienen hat sich dicht an dicht klebend auf unserem Windgenerator niedergelassen. Da gerade Windstille herrscht, haben die Tiere offenbar einen passablen Rastplatz entdeckt.

Schnell schließe ich panisch alle Türen und Fenster, Erinnerungen an Erzählungen aus meiner Kindheit kommen hoch, denn wenn sich ein Bienenschwarm auf der Suche nach einem neuen Zuhause niederlässt, kann es schon zu Unfällen kommen. Was nun?

Wir informieren uns umfassend im Netz. Einen Imker aufzutreiben, vielleicht noch mit Hilfe der Polizei, erscheint uns nun doch zu aufwändig und unangebracht. Wir lesen, dass man die Tiere leicht mit Wasser benetzen könnte, um sie eventuell zum Weiterflug zu animieren. Thomas „verkleidet“ sich mit unseren Mückennetzen und besprüht das Völkchen vorsichtig, ohne Erfolg.

Neben uns haben Brit und Axel mit ihrer „La Ola“ Halt gemacht und in deren Status sehe ich ebenfalls Bilder von Bienen. Beim Telefonieren mit der ruhigen Brit merke ich, wie mein Puls sich langsam wieder normalisiert. Wir sollen uns keine Sorgen machen, die süßen Kleinen seien nur auf der Durchreise und würden spätestens nach einem Tag weiterziehen. Außerdem kennt Brit ausschwärmende Bienenvölker aus ihrer Kindheit. Die Tiere sind nicht aggressiv, wenn man sie in Ruhe lässt. Daran halten wir uns und trauen uns sogar, den Abend auf dem Vordeck mit Blick auf einen wunderschönen Sonnenuntergang zu genießen.

17. April 2026

Am nächsten Morgen haben wir immer noch summende Gäste an Bord, aber ein Lüftchen wird zum Wind und irgendwann beginnt sich das Windrad langsam zu drehen. Man merkt, wie in die Truppe Bewegung kommt, der Wind nimmt zu und Peng, die Traube „explodiert“ und stiebt auseinander um davonzufliegen. Im Laufe des Tages werden immer wieder einzelne Bienen versuchen, das Windrad zu erreichen. Offenbar lockt sie noch der Duft ihrer Verwandten an, aber der Wind ist unser Verbündeter und befreit alle von dieser misslichen Lage.

Unsere letzten Blicke auf die liebliche Algarve erhaschen wir bei einer wunderwunderschönen Wanderung und nach einem letzten Abstecher ins Fischerdorf nebenan.

Ein altes Sprichwort besagt ja, dass man niemals zweimal in den selben Fluss steigt. Wir haben während unseres zweiten Algarveaufenthaltes gelernt, dass man die Erlebnisse und Stimmungen zu einem fremden Ort vervielfältigen, vertiefen und korrigieren kann, wenn man ihn wiederholt besucht und offen genug in die Welt schaut.

Galerie: Algarve – zweite Chance