Granada – Juwel des Orients im Herzen Andalusiens

Alhambra - Juwel des Orients
Alhambra – Juwel des Orients im Herzen Andalusiens

Zum Juwel des Orients im Herzen Andalusiens

Endlich ist es soweit, wir haben einige Tage der Wartezeit sehr gut genutzt und können nun nach Granada reisen. Eine liebe Freundin ( liebe Grüße an Ingrid gehen raus) hat uns empfohlen, die Alhambra im Herzen Andalusiens während unserer Reise nicht auszulassen. Wer hätte gedacht, dass es schwierig sein würde, die berühmten Gebäude der Stadt zu besichtigen? Nie im Leben wären wir darauf gekommen, dass insbesondere der Eintritt in die sagenumwobenen Nasridenpaläste nur mit Datum und Zeitfenster möglich ist und die Anmeldung per Internet zu erfolgen hat? Aber schon die gründlichere Beschäftigung mit der Stadt belehrt uns schnell eines Besseren. Nicht umsonst ist die Zahl der Besucher (jährlich ca. 3000000) dieses Unesco-Weltkulturerbes so hoch und macht die „einzigartige Zeugin des letzten muslimischen Königreichs Spaniens unter den Nasriden Sultanen" zu den meistbesuchten Orten der Welt. In den Reiseführern finden wir die Empfehlung zum rechtzeitigen Vorbuchen. Tatsächlich wird über eine Wartezeit von Monaten berichtet. Was nun?

Mit viel Recherche gelingt es Thomas, Tickets im Voraus zu ergattern, welche die Besichtigung der Nasridenpaläste und der Sehenswürdigkeiten der Stadt ab 7.11. inkludiert. Was für ein Glück! Dafür reisen wir gerne langsamer weiter und nehmen eine Rast in Adra gelassen in Kauf.

Erst einmal ist der Weg das Ziel?

Ebenso gerne reisen wir auch wieder mit den „Öffis". Dieses Mal lernen wir die Annehmlichkeiten des Fernbusses in Spanien kennen. Es ist kaum zu glauben, aber wahr: Komfortabel ausgestattete Reisebusse verkehren zwischen allen größeren Orten Andalusiens. Auch hier gilt Vorbuchen per Internet und man erhält einen zugewiesenen Sitzplatz. Witzig wird nur der Start, weil wir früh am Morgen am Busbahnhof in Adra keinen Steig finden, der auf die Abfahrtstelle unserer Reise hinweist. Da uns das ziemlich spanisch vorkommt, machen wir uns vorerst keine allzu großen Gedanken. Und siehe da: Fast auf die Sekunde pünktlich rollt der Bus aus Almeria nach Granada um den Kreisel (den er nur nehmen kann, wenn er die Bordsteine teilweise überfährt) Der Fahrer begrüßt jeden einzelnen Gast vor dem Einsteigen und merkt sich die Ziele seiner Kunden, koordiniert zudem das Verstauen der größeren Gepäckstücke im unteren Teil des Fahrzeugs sinnvoll.

Schön, die Küste auf diese Weise von der Landseite aus zu sehen. Fantastische Ausblicke aufs Meer tun sich auf. Da draußen waren wir kürzlich unterwegs! Manchmal halten wir die Luft an, wenn sich der fahrende Riese auf engsten Straßen zwischen kleinen Küstenorten sachte fortbewegt, sich durch die Serpentinen windet, knapp neben steilen Abhängen. Überall finden sich zudem in Schwindel erregender Höhe Plateaus mit Gewächshäusern. An den Kaps Reste alter Türme und Burganlagen, an den Stränden bereits entspannte Leere aber auch der Hauch von „Ferienortidylle" mit entsprechender Architektur und die Vorstellung, wie bevölkert hier wohl im Sommer jeder Quadratmeter sein muss.

In Motril als Knotenpunkt gibt es einen kleinen Zwischenstopp und die Reisenden werden quasi neu „verteilt". Dann halten wir wieder die Luft an, denn es geht hinein in die Bergwelt, der Sierra Nevada entgegen, über kunstvoll ausgebaute Autobahnen, die mehrspurig große Schluchten überwinden, unzählige Brücken und Tunnel werden passiert, etliche Baustellen sorgen für Ministaus, die sich aber am Freitagmorgen noch in Grenzen halten.

Busfahrt nach Granada - Hinauf in die Berge
Busfahrt nach Granada – Hinauf in die Berge

Ankunft in der „Roten Stadt"

Richtig dicht wird der Verkehr allerdings bei der Ankunft in der modernen Großstadt Granada, der Hauptstadt der Provinz Andalusien. Während wir durch eine der prächtigen Einkaufsstraßen zum Busbahnhof fahren, bleibt uns Zeit zum Betrachten des Reichtums und der Fülle der Altstadt und wir bestaunen auch die vielen modernen Gebäude der Neustadt, die alle scheinen, als wären sie erst in den vergangenen zehn Jahren entstanden. Keine Frage, hier muss es sich um einen Ort mit Wohlstand und Aufwärtstrend handeln. Die von ca. 230000 Einwohnern bewohnte Universitätsstadt (ca. 60000 Studenten) ist wirklich fantastisch gelegen, rundum von Bergen geschützt und mit fruchtbarsten Böden gesegnet. Sie erstreckt sich vom Tal des Darro und in der Flussaue Vega de Granada bis hinauf zu den Sierras de Huetor und Alfaguara. Hier ließ und läßt es sich schon ewig leben, erste Nachweise der Besiedlung stammen bereits aus der Zeit um 500 v.Ch..

An diesem Ort wurde das friedliche Zusammenleben der Religionen über Jahrhunderte hinweg ermöglicht und dann wieder von bittersten Progromen und kriegerischen Vernichtungszügen abgelöst. Oben auf der Spitze der Hügelkuppe thront die Alhambra, die rote Burg, die nach wechselvoller Geschichte von 1238 bis 1492 als Hauptstadt des Sultanats der Nasriden aufgebaut wurde. Und ganz weit oben sieht man in der Ferne die Gipfel der Sierra Nevada, bereits leich mit Schnee verzuckert. Heute leben die Menschen hier vorwiegend von Tourismus, Landwirtschaft und von der Arbeit im Bildungsbereich.

Am großen Busbahnhof springen wir sofort los, es ist 11.30 Uhr und unser „Slot" am Eingang zu den Nasridenpalästen der Alhambra beginnt 14.00 Uhr. Aber ach, die Stadtbusse bleiben im mittäglichen Stau auf der Strecke, nichts geht mehr auf den Straßen Granadas, dafür laufen ausnehmend schick gekleidete Menschen auf deren Bürgersteigen schwungvoll dem Wochenende entgegen. Wir wundern uns nicht, dass der Bus von der vorgegebenen Strecke abweicht, aber trotz Orientierungshilfe via Internet fällt es uns schwer zu entscheiden, ob es besser ist „abzuspringen" und per pedes weiter zur Unterkunft im Zentrum der Altstadt vorzudringen oder noch ein paar Stationen auszuharren, um im Gewusel des frühen Freitagmittags am günstigsten zu dem Ort zu gelangen, wo wir unsere Rucksäcke lassen können, denn die dürfen auf jeden Fall nicht in die Nasridenpaläste mitgenommen werden.

Irgendwann entscheiden wir dann kühn, schnellstmöglich zu Fuß zu unserer Ferienwohnung zu eilen und haben, dort angekommen, wieder mit Zeitverzögerung zu kämpfen, da wir erst den Eingang lange nicht finden können und dann warten müssen, bis uns der supernette Besitzer der Ferienwohnung hereinlässt und die Rucksäcke entgegennimmt.

Kennt ihr das Spiel Mario Kart? Später wird Thomas die nun folgende „Jagd" zum Hügel hinauf mit diesem Spiel vergleichen. Zwar wird dem Teilnehmer im Computerspiel ein virtuelles Gefährt zur Verfügung gestellt und wir werden den Großteil des Rennens zu Fuß absolvieren, aber es fühlt sich ähnlich spannend an und birgt zudem äußerst schweißtreibende Momente. Wir sind im Modus „Einzelspiel gegen die Uhr" unterwegs. Immer wenn man erfolgreich eine Challenge bestanden hat, folgt in der nächsten Runde eine noch größere Herausforderung. Es ist bereits 13.15 Uhr. Wir rasen also los zur Alhambra und lassen uns von „der Macht der Internet Map" leiten, springen über Fußgängerstreifen und durch Parks, um nach ca. 20 Minuten eiligen Rennens festzustellen, dass wir auf dem Täuschungsweg der Reiseindustrie durch Cookies abgelenkt worden sind und der Eingang zur Alhambra ganz woanders liegt als der Eingang zu einem Touristenbüro mit Pauschalangeboten. Wild entschlossen hetzen wir zurück auf die Hauptstraßen und ergattern zum Glück ein Taxi, das uns hügelan auf schmalen Sträßchen bis vor das Tor bringt, welches uns den passenden Eingang zum Palastkomplex ermöglicht.

Nun gilt es, sich bei der richtigen Schlange anzustellen, denn es gibt ja doch so einige Gebäude aus verschiedensten Epochen und der gesamte Komplex ist trotz Vorbereitung und Wegweisern in der Eile verwirrender als gedacht.... Aber wir meistern diese Aufgabe mit ein paar Umwegen letztlich bravourös, um einigermaßen abgekämpft vor dem Eintrittsportal des Palastkomplexes der Nasriden zum Anstehen zu kommen. Ratatataaaa! Es ist kurz vor 14.00 Uhr. Um uns ein Stimmengewirr aus tausend und einem Land, vor uns die gestrengen Hüter von Einlass und Ordnung. Mir wird mulmig zumute. Weiß ich doch, dass die Nummer meines Personalausweises auf dem gebuchten Ticket nicht die aktuelle ist. Thomas hat fälschlicher Weise meine alte Personalausweisnummer eingetragen, als er vor zwei Wochen im Buchungsfieber war. Kann ja passieren, sonst wäre es nicht passiert. Aber wie werden die Spanier darauf reagieren? Er hatte am Vorabend unserer Anreise Mails zum Thema an die Alhambra Kasse gesendet, aber keine Antwort erhalten. Nun war das das kleinere Problem, denn ich trage den richtigen Namen zum Bild in einem gültigen Personalausweis. Aber mein Mann hatte in der Eile leider seinen Personalausweis im Rucksack in der Unterkunft gelassen und somit kann er seine Identität nicht zweifelsfrei nachweisen. Oje! Der Kontrolleur versteht kein Englisch, ruft aber eine nette junge Dame herbei, die uns beruhigt und gemeinsam mit uns Alternativen des Nachweises ersinnt, was schließlich auch gelingt. Wir stoßen auf Handyfotos von Ausweisen, die Thomas dabei hat. Peng!!!! Neue Energiequelle aufgeladen, weiter geht's! Die geübte Vermittlerin schickt uns auf die zehnminütige Fußreise zum Haupteingang des Gebäudekomplexes, da nur dort nach Sichtung der Lage durch eine befugte Person das gebuchte Ticket mit einer handschriftlich ergänzten Notiz versehen werden kann. Juhuuuu! Also los.... nix wie den Berg hoch, es ist bereits nach 14.10 Uhr. Die gestrengen Polizisten schirmen den Kassenbereich engmaschig ab und lassen Thomas nach längerem Verhandeln in den Kassenraum durch. Dort geht alles ganz schnell und peng!!!! sind wir wieder unterwegs und versuchen, eine Abkürzung zu nehmen, flitzen schon mal durch herrlich angelegte Gartenbereiche um letztlich..... wieder anzustehen, nicht ohne die Mahnung der Einlassdamen am Hauptportal noch im Ohr zu haben, dass wir uns beeilen müssen, um unseren Slot nicht ganz zu verpassen. Yeah!!!! Yippieh!!!

Am Eingang in die Nasridenpaläste
Am Eingang in die Nasridenpaläste

Das Vermächtnis der Sultane

Es bleibt keine Zeit zum Durchatmen und zur feierlichen Einstimmung, aber die Freude überwiegt, dass wir auch 14.30 Uhr noch in die Prachtbauten, die von außen betrachtet recht schmucklos anmuten, eingelassen werden. Schon beim Anblick des ersten Raumes der Nasridenpaläste bleibt uns gar nichts anderes übrig, als von der märchenhaften Gestaltung dieser traumhaft schönen architektonischen Wunderwerke vollkommen in den Bann gezogen zu werden. Selbst wenn sich die große Zahl der Besucher scheinbar zäh durch die labyrinthisch angeordneten Räume bewegt, vergessen wir alles um uns her und lassen uns andächtig verzaubern von den unzähligen wunderbaren Details. Im Zentrum der Machtausübung, dem Mexuor, wo die Sultane ihre Audienzen und Gericht abhielten, begreifen wir sofort (man darf Modelle an der Wand berühren), dass diese einzigartige im westlichen Europa erhaltene Palaststätte den Höhepunkt der Entwicklung der islamischen Künste und Kenntnisse, die sich in sieben Jahrhunderten (vom 8. bis 15.Jh.) herausgebildet hatten, darstellt. Welche Perfektion bis ins kleinste Detail, geschaffen durch die begabtesten Handwerker ihrer Zeit! Außergewöhnlich, wie die meisterhafte Ornamentik sinnlich die Vereinigung von Kunst und Wissenschaft erfahren lässt. In den Residenzräumen und auch in den Räumlichkeiten, die der Entspannung dienten finden wir eindringlich Zugang zur philosophischen Idee der Verbindung von Wehrhaftigkeit, Machtsicherung, Kunstgenuss und Entspannung. Insgesamt 24 Sultane haben in den mehr als 260 Jahren Bauzeit residiert, gestaltet, erweitert, erneuert, überbaut. Und noch heute sind nicht alle Geheimnisse der nasridischen Kunst gelüftet. Restaurierungsarbeiten und die Forschung dauern an, ebenso wie die liebevolle Pflege und der Schutz dieses Kleinods. Die mehr als tausend kaligrafischen Inschriften dürften aber übersetzt sein und bezeugen die Dichtkunst und Sinnlichkeit der „letzten Bastion islamischer Herrschaft" in Europa.

Im Comares-Palast betrachten wir Kuppeln mit Intarsien, Meisterwerke islamischer Holzkunst in Form von Sternenhimmeln, die über uns zu schweben scheinen, weil der Übergang von eckigen zu runden Formen durch die geschickte Anbringung von Friesen fließend gelingt. Und dann sind wir tatsächlich überwältigt von den Muqarnas, den Honigwabengewölben, die wirklich an Tropfsteinhöhlen oder dreidimensionale Puzzle erinnern mit ihrer Vielzahl von einzelnen, nur wenige Zentimeter großen Elementen. So etwas haben wir in dieser Größe und Schönheit noch nie zuvor gesehen. Wir durchschreiten den Löwenpalast.

Im Zentrum steht der Löwenbrunnen mit mystischer Symbolik: 12 Wasser speiende Löwen speisen vier Wasserkanäle, die die vier im Koran beschriebenen Flüsse des Paradieses symbolisieren sollen. Er ist eines der bedeutendsten Beispiele für muslimische figürliche Darstellung in Verbindung mit kunstvoller Bewässerung. An den Decken der seitlichen Nebenräume finden sich Zeugnisse der anschaulichen Beschreibung der nasridischen Welt. Die Vielfalt der Farbspiele und Kompositionen sind auch heute noch nicht vollständig erforscht, aber in drei Gewölben können wir Figuren im Stil eines christlichen Palastes betrachten, Zeugen des fließenden Austausches zwischen christlichen und muslimischen Künstlern. Wir sehen Könige der Nasridendynastie mit Zeremonieschwertern, Jagdszenen und Szenen des höfischen Lebens. Der gesamte Palastbereich nimmt so mit den an seinen Wänden, Decken, Fußböden und in seinen Innenhöfen zu sehenden Metaphern eine Gestalt größtmöglicher ästhetischer Schönheit an und vorweg, was sich in den anschließenden Gärten mit Früchten und Düften fortsetzen wird:

Ich bin der Garten der Harmonie
der Himmel aus Kristall
zeigt dort Wunder
niedergeschrieben
füllen sie die Seiten mit Schönheit
das Licht ist eins
die Farben vervielfachen sich
manche gleich
manche kontrastierend
so wie es dir gefällt...

Hinaus in die Gärten

Wir treten wieder nach draußen und nehmen uns viel Zeit zum Betrachten der wunderschönen Gartenanlagen rund um die Palastbauten. Hier begeistert das ausgeklügelte Gestalten durch bewusste Kombination von Realität und Trug-, Märchen- oder Traumbildern. Wir können uns vorstellen, dass dies je nach Tageszeit und Jahreszeit einem ständigen Wechsel unterliegt und in der Planung mitbedacht wurde. Da sich die Schar der Touristen entspannt zerstreut, können wir ungestört genießen, lauschen, atmen, sitzen, verweilen und viele Fotos aufnehmen.

Nach einem kurzen Zwischenstopp im Innenhof des später von den christlichen Herrschern erbauten „Palastes Karl des Fünften" begeben wir uns weiter bergan auf Erkundungstour entlang der Gebäude der Alcazaba und des Weges der Türme, die zu den ältesten Bauwerken der Alhambra zählen. Wir erinnern uns: Von außen sieht man die Bergstadt mit ihren ca. 2000 Meter langen Mauern und zahlreichen Türmen als schmucklose Festung. Innen finden wir idyllische Oasen als letzte Demonstration der Talente und Zufluchtsort einer Welt, die durch den unaufhaltsamen Vormarsch der Reconquista bereits dem Untergang geweiht war, als sie errichtet und erweitert wurde. Die Erbauer waren hin- und hergerissen zwischen der Notwendigkeit, sich selbst zu verteidigen und einem fast philosophischen Streben nach Wohlbefinden. Wohlbefinden steht für uns nun klar im Vordergrund. Wir steigen weiter bergan bis zum Generalife und nehmen alle Eindrücke dankbar in uns auf.

Im Generalife – Wie es uns gefällt

Zuhause im Dessau–Wörlitzer Gartenreich und mit Eltern, die jedes Wochenende im Garten werkeln wollten, sind wir mit den richtigen Genen und Gewohnheiten ausgestattet, um diesen Palastbereich besonders zu genießen. Glaubt uns: Ein Entzücken löst das folgende ab! Hinter jeder Hecke wartet ein neues Geheimnis! Es wird Abend und das Plätschern der Wasserläufe und Fontänen lullt uns säuselnd ein. So viel Schönheit ist nun fast zu viel für uns, doch wir halten tapfer durch, denn bald werden die Pforten der Palaststadt für uns geschlossen sein und wir wollen wirklich alles sehen. Der Generalife ist ein Gartenkunstwerk sondergleichen, aber seht selbst:

Beseelt verlassen wir den Garten, trudeln den Berg hinab zur Stadt und freuen uns müde und glücklich auf den kommenden Abend, denn es ist heute noch lange nicht Schluss mit dem Kennenlernen der Schätze Granadas. Was für ein Tag!

Tablao Flamenco

Für den Abend hatte Reiseleiter Thomas ein einstündiges Konzert gebucht, welches in einem der für die Touristen geschaffenen Tablao Minitheatern der Stadt angeboten wird. Der Saal ist gut gefüllt mit neugierigen Reisenden, auf der Bühne finden sich gemäß der Tradition der Gitarrist, die Sängerin, ein Tänzer und eine Tänzerin ein. In verschiedenen Konstellationen musizieren und tanzen sie hochemotional. Es wird laut, sehr laut! Was für eine Wucht an Ausbrüchen über Liebe, Verzweiflung, Wut, Kampf und Leidenschaft. Interessant, wie der Gitarrist den Tanzenden folgt und sie gleichzeitig anfeuert. Verstörend, wie die Sängerin ihre Seelenqualen herausschreit. Überzeugend gelingt die Geschmeidigkeit der Tanzenden im „Liebesspiel", den Stolz nehme ich den Beiden auch ab.... nur bei der Wut bewegt sich tief in mir nichts....als Ratlosigkeit.... Nach einer anstrengenden Stunde ist der Spuk vorbei, gut, dass wir dieses Liveerlebnis hatten, ob es wirklich authentisch und meisterhaft war, bleibt für uns offen...

Authentisch gelingt dann doch der „Absacker" in einer der vielen Tapas Bars. Wir sitzen tatsächlich am Tresen einer über Eck gebauten Kneipe, bekommen zum Bier kleine Happen gereicht und beobachten aus den Augenwinkeln die Einheimischen, jung und alt, die sich hier einfinden. Ein bunter Mix aus Generationen in fröhlichen kleinen Runden, lautstark sprechend und einander zugewandt. Wie schön!

Bleibt uns nur noch, „Gute Nacht" zu sagen mit dem Text der Sängerin Loreena Mc Kennitt aus dem Album „Alhambra". Denn oben auf dem Berg werden nun die Nachtbesichtigungen beginnen, aber die lassen wir tunlichst aus :).

The Mystic's Dream

A clouded dream on an earthly night
Hangs upon the crescent moon
A voiceless song in an ageless light
Sings at the coming dawn
Birds in the flight are calling there
Where the heart moves the stones
It's there that my heart is longing for
All for the love of you

Der Traum des Mystikers

Es naht von Wolken verschleiert ein Traum in einer irdischen Nacht
Gleichsam dem aufgehenden Mond
Das Lied, das tief unser Inneres zum Schwingen bringt
In zeitloses Licht getaucht
Hebt an mit der nächsten Morgendämmerung
Dann erheben sich auch die Vögel und verkünden den Tagesanbruch im Fluge
Wo das Herz Steine zu versetzen vermag
Dorthin sehnt sich mein Herz
Alles aus Liebe zu dir (deutsche Übersetzung von Ines)

Granada heißt im Spanischen auch Paradies

08.11.2025

Na also, paradiesisch werden wir den Samstag erleben. Der beginnt sonnig und kalt. Ein Frühstückskaffee finden wir gleich in der nächsten Gasse und wärmen uns bei gutem Kaffee. Hier ist es stylisch, jugendlich, modern. Trotz des hippen Angebotes entscheiden wir uns für das traditionell typisch spanische Essen am Morgen mit gerösteten Weißbrotschnitten, Tomatenpulp, Avocadostreifen und viel Olivenöl.

Es erweist sich als großes Glück, dass Thomas für uns jeweils eine Granada Card gebucht hat, weil wir einerseits durch die Angebote, die eingeschlossen sind, Ideen bekommen, was wir so tun können, andererseits mit Hilfe der für uns frei benutzbaren Verkehrsmittel vier Tage lang leicht und schnell von A nach B kommen. Wir starten im Herzen der Stadt und steigen in einen der Tourismuszüge. Dicht zusammengedrängt mit schlecht sitzenden Kopfhörern und lausiger Audioqualität zuckeln wir durch die Gässchen und Straßen rund um die Kathedrale, dann hinauf zum Hügel, vorbei an den alten Handwerkervierteln und vielen historischen Gebäuden. Die Alhambra passierend geht es dann auch wieder bergab. So bekommen wir einen guten Überblick. Auf dem großen zentralen Platz, San Pedro, steigen wir aus, schlendern die Gassen, Ramblas und Einkaufsstraßen entlang, lassen uns zur Kathedrale treiben und mit einer tollen Audioführung in die zutiefst beeindruckenden Details dieses Bauwerkes einführen. Auf dem Fußweg hinauf zum Alhambra-Museum begegnet uns die „Schöne Isabella von Kastilien" und nicht nur der Palastbau Karl des Fünften ist innen rund, sondern auch die umfassende Ausstellung im Museum, das sich in diesem Gebäude befindet, rundet unsere Erfahrungen und Erlebnisse des Vortages ab.

Granada - ururalter Thron
Granada – ururalter Thron

Granada, die Stadt der Gitarren

Aufgrund einer einzigartigen jahrhundertealten Tradition im Instrumentalbau und einer lebendigen kooperativen Gemeinschaft von Gitarrenbauern in der Zusammenarbeit mit den Gitarristen und Gitarristinnen bestimmten und bestimmen die Meister in Granada das Niveau des Gitarrenbaus weltweit. Daher nennt man Granada auch „die Stadt der Gitarren" . Die Spanische Gitarre und die Flamenco Gitarre sind integraler Bestandteil der lokalen Kultur und des Lebensstils.

Jeder klassische Gitarrist kennt die berühmten Konzertstücke „Recuerdos de la Alhambra" (Erinnerungen an die Alhambra) von Francisco Tarrega oder „Granada" von Isaac Albeniz, oder auch das Lied „Granada" von Augustin Lara, das für Sologitarre arrangiert die Stadt und ihre Kultur preist. Hört euch diese Solostücke ruhig einmal an, falls ihr sie noch nicht kennt, es lohnt sich! Thomas hat sich natürlich auch mit dieser herrlichen Musik beschäftigt während des Studiums in Weimar.

Es ist klar, dass wir in der Stadt der Gitarren möglichst an die Orte gehen wollen, wo die Instrumente hergestellt wurden und werden. Auch wünschen wir uns, einem Gitarrenkonzert beiwohnen zu können. Wieder werden wir fündig. Ein Plakat hat uns am gestrigen Abend, als wir im jüdischen Viertel unterwegs waren, neugierig gemacht. Für heute Abend steht also Gitarrenmusik live auf dem Programm. Ist dies wieder so eine „Touristenveranstaltung"?

Ja, wir erleben einen tollen Gitarristen im muchligen Keller eines Hotels. Der Erfolg, den Raum gemütlich einzurichten, hält sich in Grenzen. Mit uns lauschen nur noch zwei Ehepaare in intimer Runde. Die meisten Stühle bleiben also leer. Das könnte angesichts der schönen Musik zu vernachlässigen sein, wenn nicht Saunalärm aus dem angrenzenden Flur regelmäßig zu Störungen führen würde. Was soll's, schon aus Respekt vor dem einsamen Künstler bleiben wir friedlich sitzen und lassen uns neben der Präsentation der entsprechenden Solostücke kurze Erklärungen zur Geschichte des Gitarrenbaus in Granada angedeihen. So erfahren wir auch, dass die über 50 (!) Gitarrenbauer der Stadt früher in eben dieser Straße, in der das Hotel nun Touristen beherbergt, gearbeitet und gelebt haben. Nun können sich die Handwerker diesen Standort nicht mehr leisten und haben sich verstreut an billigeren Orten der Stadt niedergelassen. Auch heute dauert das Event nur eine Stunde, so bleibt noch Zeit für einen Nachtbummel in der Altstadt. Wir kehren ins urige Szenecafe in der Plaza de los Lobos ein und beschließen den Tag im gemütlichen Ambiente.

Granada - Abends im Szenecafe
Granada – Abends im Szenecafe

Sonntagmorgenmarathon

09.11.2025

Der Tag beginnt wieder sonnig und kalt, unser Weg zum Frühstückscafe ist heute mit Bändern abgesperrt, der Sonntagmorgen gehört den Teilnehmern eines Stadtmarathons... na bitte, wir wieder mittendrin, war ja klar!

So ist es für uns eine Selbstverständlichkeit und eine Notwendigkeit (die Stadtbusse verkehren im Moment nicht), den 30 minütigen Weg zum Park der Wissenschaften zu Fuß zurück zu legen. Es bietet sich uns eine Atmosphäre der Beschaulichkeit und Ruhe. Auf der Hauptstraße flitzen oder schleichen die Läuferinnen und Läufer vorbei, der Rest der Städter schläft noch.

Wir gehen spielen!

In der Neustadt warten auf uns Hallen voller Beispiele des menschlichen Forschergeistes. Sehr bunt gemischt und dennoch mit sich verbindenden Themenkreisen werden wir in den Ausstellungsräumen auch sinnlich abgeholt, eingestimmt, mitgenommen und anschaulich informiert. Das macht riesigen Spaß und beschäftigt uns viele, viele Stunden, handelt es sich doch um ein interaktives Museum für alle Altersgruppen mit sieben Pavillons, die insgesamt ca. 70000 Quadratmeter Fläche einnehmen.

Hier sind wir gleich richtig

Am Eingang empfängt uns eine junge studentisch wirkende Betreuerschar, die auf die Angebote des Tages hinweist. Riesige Ausstellungsobjekte schweben durch die Halle, bunt gemischt sind Skelette uralter Flugtiere und Modelle, aber auch Originale der Fluggeräte, die Menschen erbauten.

Experimentierfreude

In den physikalischen Labors kann man Phänomene wie z.B. Schwerkraft, Trägheit oder andere Umweltphänomene spielerisch erforschen. Familien wuseln durch die großzügigen Räumlichkeiten, alles darf angefasst und ausprobiert werden. Oben klimpert ein Tasteninstrument von der Galerie herab, viele Menschen probieren sich aus, dann wieder spielt jemand den Beginn einer Mozart-Sonate oder einer Bach-Invention, oder es flutscht der Flohwalzer über die Tasten in alle Ohren. So fühle ich mich irgendwie ungezwungen wie bei einem Kindergeburtstag, wenn alle Gäste einmal live austesten wollen, wie ein Flügel funktioniert oder Bruchstücke ihres Übeerfolges zum Besten geben wollen.

In den ständigen Ausstellungsräumen kreist alles um die Themenbereiche Gesundheit, Umwelt, Architektur, Literatur, Physik, Chemie, Mechanik, Astronomie und das wissenschaftliche Erbe der andalusischen Kultur. So erfahren wir noch einmal mehr über die wissenschaftlichen Hintergründe der Gestaltungsprinzipien der Gebäude, die wir in den vergangenen zwei Tagen besucht haben.

Großzügiges Freilichtmuseum

Die Außenbereiche halten ebenfalls viel Interessantes bereit. Leider gelingt es uns nicht, vor Schließung des Aussichtsturmes nach oben zu fahren. Der Andrang war einfach zu groß. Schade, hatten wir uns doch vorgestellt, den schneebedeckten Gipfel der Sierra Nevada von dort aus noch besser sehen zu können.

Sonderausstellungen

In einer Sonderausstellung zum Thema Titanic überrascht uns ein riesiges Model des Unglücksschiffs, welches durch seine Detailtreue sehr anschaulich zeigt, wie die riesige Dame ausgestattet und gebaut war. Faszinierend! Was für ein technisches Wunderwerk! Und dennoch lehrt uns die Geschichte dieses vermeintlich unsinkbaren Schiffes, nie die Demut vor der Natur und ihren Gesetzen zu verlieren.

Farbenfrohe Wunder der Tierwelt

Weiter geht es durch die großzügigen Außenanlagen zur Schmetterlingsfarm, wo zwischen tropischen Pflanzen prächtige Falter farbenfroh herumflattern und wo man live erleben kann, wie diese fabelhaften Wesen wachsen und schlüpfen.

Überhaupt, die Tierwelt live erleben gilt auch als eines der Mottos dieses Parks. Am Morgen wurden die Kleinen mit einer Flugshow von Raubvögeln empfangen, mittags turnten Stabheuschrecken über Mitarbeiterhände und und und

Bummel durch die Straßen Granadas

Am späten Nachmittag trudeln wir etwas fußlahm aber entspannt durch die älteren Teile dieser Stadt, wo sich sonntags alle Menschen im Freien aufhalten und die Sonne genießen. Keine Frage, hier lässt es sich leben!

Granada - auf dem Platz vor der Kathedrale
Granada – auf dem Platz vor der Kathedrale

Abends Jazz vom Feinsten

Natürlich haben wir uns für den Abschlussabend in dieser Universitätsstadt wieder ein Konzertevent gesucht. Es steht uns der Sinn nach Jazz. Hier muss es doch ganz bestimmt gute Jazz Clubs geben! Ob wir dieses Mal der allgemeinen „Touristenfalle" entkommen können? In den engen Gassen ganz in der Nähe unseres Quartiers soll es ein Konzert geben. Wir machen uns also abends auf den Weg und lassen uns wieder von der Macht des Internets leiten, finden auch die vorgegebene Adresse, aber keinen Eingang zum Ziel des Abends. Es ist noch Zeit bis zum Beginn der Veranstaltung.... Die verbringen wir etwas fröstelnd beim Spazieren durch das düsterer anmutende Labyrinth der Gässchen. Alles wirkt wie ausgestorben, es sind kaum Menschen unterwegs, die Touristenzüge rattern nicht mehr.

Dann ein neuer Versuch, 20 Minuten vor Veranstaltungsbeginn. Welche Veränderung! Nun sind Jalousien geöffnet, die wir vorher gar nicht wahrgenommen hatten. Ein Eingang wurde „freigelegt", ein Plakat ist sichtbar, wir sind richtig. Düster bleibt das Ambiente im Clubraum, der einer Höhle gleicht. Aber die Wärme, die uns dort entgegen strömt macht sofort glücklich. Clubmitglieder begrüßen uns Fremde sofort als Gäste. Wir bekommen einen dem Ort angemessenen Snack und gute Getränke. Als 30 Minuten später die Jazzer ihre Instrumente nehmen, wird uns schon bei den ersten Tönen klar, dass hier Profis am Werk sind, die in einer Formation aus Freunden unter Freunden und Gleichgesinnten musizieren. Wir erleben ein Feuerwerk aus Kreativität, Spiellust und Virtuosität mit internationalem Flair. Begeistert und dankbar nehmen wir alles mit offenen Ohren auf. Das ist ganz nach unserem Geschmack und dauert auch länger als eine Stunde an :) .

Im Jazzclub
Im Jazzclub

Nun noch auf den heiligen Berg!

10.11.2025

Montagmorgen. Unser Fernbus nach Adra startet erst um 15.00 Uhr, so bleibt uns also noch genügend Zeit, einen weiteren Hügel der Stadt mit seinen berühmten Bauwerken zu besuchen. Die Rucksäcke verstauen wir im Stadtzentrum in einem extra dafür eingerichteten Hotelraum, dann geht es mit dem Linienbus durch enge Straßen und Flusstäler bis hinauf auf den Sacromonte. Der Name „Heiliger Berg" leitet sich von der Entdeckung der angeblichen Reliquien des Heiligen Cecilio ab, was zur Errichtung einer Abtei führte.

Die Sonne wärmt uns und der riesige Gebäudekomplex mit Höhlen, Kirche, Kloster und einer uralten Universität lädt uns ein, der Geschichte dieses Ortes nachzuspüren. Audioguide auf die Ohren und los!

Eines der ältesten Universitätsgebäude Europas

Im Kreuzgang des Klosters stehend erfahren wir von der Errichtung eines der ältesten Privatuniversitätsgebäudes Europas. Uralte Bücher und Schriftstücke, zum Beispiel die sagenumwobenen Bleibücher, sind hier ausgestellt. Diese sind synkretische Bleitafeln, die im 16./17. Jahrhundert gefunden wurden und eine Mischung aus christlichen und islamischen und jüdischen Texten enthalten, was zu ihrer mysteriösen Geschichte beitrug. In den Räumlichkeiten und Innenhöfen finden wir Kunst aus verschiedenen Jahrhunderten, die uns berührt.

Jetzt wird es unheimlich

Dann geht es hinunter in die heiligen Höhlen, ebenso mystisch wie gruselig wirken sie. Geduckt, von Grabeskälte umgeben setze ich in den düsteren Gängen einen Fuß vor den anderen. Die kleinen, engen Kapellennischen sind teilweise hell, teilweise gespenstisch beleuchtet. Soll uns der Glaube an Martyrien und Heilige das Fürchten lehren? Ehrfürchtig bin ich allemal bei so viel Dunkelheit. Über allem strahlt dann aber das Symbol des Klosters, der Davidsstern, Zeichen christlicher (!) Weisheit.

Moderne Kunst

Für mich weitet sich einmal mehr der Blick auf eine Welt des Christentums, geprägt von Buße und Leidenschaft. Da liebe ich doch eher die Betrachtung der modernen Kunstwerke, die sich mit der Darstellung christlicher Inhalte beschäftigen, aber menschlicher, zugewandter erscheinen. Die kleine Kirche strahlt zuletzt wieder Zuversicht und Freude aus. Zuversichtlich waren wohl auch die unzähligen Frauen, die in der Steinkapelle knieten, um den dortigen, sehr abgewetzten Glücksbringerstein zu küssen. Sie sollen noch im selben Jahr mit einem Ehemann gesegnet worden sein. So gehen auch hier Glauben und Magie ein Bündnis ein und machen den Heiligen Berg zu einem berühmten Wallfahrtsort.

Abschied von Granada

Schön ist es, am Ausgang unserer Granadatour hier oben angekommen zu sein. Beim „Blick zurück" betrachten wir nun andächtig das unglaublich schöne Panorama der Stadt mit ihren uralten Gebäuden und der Alhambra und wir sind zutiefst dankbar. Wir fühlen uns privilegiert, weil wir dieses Juwel der muslimischen Welt und deren christliche Prägung kennen lernen durften. Granada ist für uns eines der absoluten Highlights unserer Reise, dessen sind wir uns jetzt schon sicher. Der Spruch „Der Weg ist das Ziel" bekommt so im Zusammenhang mit unserer Segelreise wiederholt die Abwandlung „Das Ziel liegt manchmal auch am Wegesrand".