Gibraltar Challenge – zwischen den Meeren, Kontinenten und Kulturen

Satellitenbild der Straße von Gibraltar

Wir reisen zwischen den Welten hin und her: Zweimal queren wir die verkehrsreichste Wasserstraße der Welt, im 90°-Winkel durchs Verkehrstrennungsgebiet – gut getimed zwischen den großen Pötten. Afrika achtern, Europa voraus und der Felsen von Gibraltar an Steuerbord – einfach atemberaubend.

Heute bitte keine Orkas!

Wie bei unserer ersten Überquerung von Barbate nach Tanger drehen sich unsere Gedanken um die berühmt-berüchtigte Barbate-Gruppe – gemeint sind die Weltmeister der Segelschiffe-versenkenden Orcas. Saisonal erscheinen die Tiere bei Gibraltar typischerweise zwischen Mai/Juli und August/November, parallel zur Wanderung des Atlantischen Roten Thunfischs. Seit 2020 gibt es Hunderte dokumentierte Ruder-Interaktionen iberischer Orcas mit Segelbooten – wir fahren nun nochmals genau am Hotspot. Als hätte man nichts anderes zu tun an diesem verkehrsreichen Ort. Spoiler: Wir bleiben zum Glück auch diesmal verschont!

Satellitenbild der Straße von Gibraltar

Bergab ins Mittelmeer

Schaut man auf die Windkarte von Gibraltar, erkennt man sehr anschaulich den Düseneffekt der Meeresenge. Die Karte sieht aus wie eine horizontale Sanduhr. Für unsere Überfahrt von Tanger suchen wir uns einen Tag nicht mit Levante, wie auf dem Bild, sondern mit Westwind oder Poniente aus. Wenn man bei der Planung noch die nicht unerheblichen Strömungen betrachtet, kann einem regelrecht schwindelig werden: Strömung durch Wind, durch Mond-Einfluss, Ebbe und Flut, den Coriolis-Effekt, durch Schwell, die starke Verdunstung im Mittelmeer, die Unterwassergeografie etc. Zum Glück fahren wir heute in der richtigen Richtung, denn der Weg hinein ins Mittelmeer ist der leichtere. Es klingt komisch, aber es geht bergab. Der Atlantik speist das Mittelmeer mit frischem Wasser, welches dort großflächig verdunstet. So liegt der durchschnittliche Wasserspiegel im Mittelmeer ca. 1,4 m unter dem des Atlantiks. Dadurch entsteht eine Grundströmung vom Atlantik ins Mittelmeer. Unser Strömungsmodell teilt die Straße von Gibraltar in vier Strömungsbereiche auf – zwei am äußeren Rand und zwei Hauptströmungen mittig. Alle vier Bereiche setzen zu unterschiedlichen Zeiten und in unterschiedlichen Stärken und Richtungen ein. Jetzt geht es darum, den perfekten Zeitpunkt abzupassen, um quasi ins Mittelmeer gespült zu werden.

Schreck am Zollponton

Mit etwas Ungeduld warten wir auf die Abfertigung am Zollponton. Ein kleiner Korb mit Bakschisch in Form von bunt eingewickelten Pralinen wartet verlockend auf dem Tisch in der Kajüte. Alles läuft wie geschmiert … und dann geschieht das Unerwartete. Beim Ausklarieren verlangt der Beamte den kleinen Zettel zurück, auf welchem bescheinigt wurde, dass FRODO sechs Monate legal in marokkanischen Hoheitsgewässern fahren darf. Ja – ich erinnere mich – dieses winzige, etwa scheckkartengroße Papierchen, hatte ich es nicht zu den A4-großen Bootspapieren in die Mappe gepackt? Warum ist es da nicht? Es dauert … Schapps geleert, Mappen durchsucht, Regale ausgeräumt, Taschen, Hosen, Jacken – einfach nicht zu finden. "Dieser ...-Zettel!" Naja, Flüche bringen ja bekanntlich nur Ärger ein. In unseren Gedanken überflügeln sich schon apokalyptische Albträume. Wir sehen uns zum Sonnenuntergang immer noch suchend am Zollponton liegen, oder sehen, wie wir uns mit gigantischen Schmiergeldern freikaufen oder noch schlimmer in einem marokkanischen Kerker bei Wasser und Brot wegen Verdachts auf Beihilfe zum Drogenschmuggel schmachtend. Doch schließlich findet Ines das Papierchen des Bangens doch noch im schon dreimal durchforschten Regal neben der Tür, und alle Albträume verfliegen im Handumdrehen, und die Reise zurück nach Europa kann beginnen.

Mit Gott, Vaterland und König und einem digitalen Wunder nach Europa

Wir verlassen die Bucht von Tanger bei leichtem Gegenstrom. Unsere Logge zeigt eine Geschwindigkeit von 6 Knoten durchs Wasser, aber für die kommenden zwei Stunden sind es nur vier Knoten über Grund in Richtung Osten. Unser Timing und Routenplan für die Überfahrt sieht vor, dass wir so nah wie möglich an der marokkanischen Küste bleiben, weil hier der Strom zuerst in unsere Richtung kippen soll. Dann kommt das Kunststück unserer Überfahrt: Zum richtigen Zeitpunkt gilt es, das Verkehrstrennungsgebiet regelkonform im 90°-Winkel zu queren, ohne einem der schnellen Dickschiffe dabei den Weg abzuschneiden und so gut wie möglich in die Bucht von Gibraltar einzulaufen. Nur so nebenbei: Hier fahren 130.715 Schiffe pro Jahr (2024) – das sind 385 Schiffe täglich oder ein Schiff alle vier Minuten, mehr als sonst irgendwo auf der Welt. Und es klappt hervorragend. Eben noch prangt vor uns der weiße Schriftzug auf dem Hügel über dem Containerhafen Tanger Med: "الله، الوطن، الملك" (Allāh, al-Waṭan, al-Malik), "Gott, Vaterland, König". Dann wird der Wind kräftig, und wir drehen FRODO genau zum richtigen Zeitpunkt nach Norden. Das Foto unseres Plotters zeigt das wunderbar: Zunächst erkennt man die großen Schiffe, die von links aus dem Atlantik kommend unseren Weg kreuzen, dann diejenigen von rechts aus dem Mittelmeer. Der schwarze Strich voraus ist unser Steuerkurs, und dank der digitalen Magie im Plotter zeigt uns die blaue Linie, dass wir mithilfe von Strömung und Wind genau Steuerbord voraus in die Bucht von Gibraltar einlaufen und dabei wahrscheinlich nicht mit einem anderen Schiff zusammenstoßen werden.

Einkehrschwung vor der Landebahn

Vor uns prangt er – "The Rock" –, der mächtige Kalksteinfelsen von Gibraltar. Halb britisch, halb spanisch, militärisch geprägt und doch charmant bunt. Es ist eine aufregende Fahrt, und ehe wir uns versehen, sind wir auch schon drüben. So schnell wie er gekommen ist, verschwindet der Wind auch wieder. Wir bergen die Segel und manövrieren FRODO durch ankernde Tanker, Fähren und anderen Verkehr bis zur Landebahn von Gibraltar. Wir wollen unbedingt noch Diesel tanken. Da unser Mast deutlich höher als zehn Meter ist, erbitten wir dort per Funk die Freigabe zur Weiterfahrt zur zollfreien Tankstelle. Dies war erst unser zweiter Tankstopp während unseres Segeljahres.

FAKT-Sheet Gibraltar

130.715 Schiffe pro Jahr (2024)

Das sind 385 Schiffe täglich oder ein Schiff alle vier Minuten.

Affenkolonie

Auf dem Felsen von Gibraltar lebt die einzige wilde Affenkolonie Europas – die Berber-Makaken, 200–300 Tiere ohne Schwanz, ursprünglich aus Nordafrika.

Legende

Einer alten Legende nach bleibt Gibraltar britisch, solange diese Affen auf dem Felsen leben. Im Zweiten Weltkrieg ließ Churchill die stark geschrumpfte Population deshalb extra mit Tieren aus Marokko und Algerien auffüllen.

Geheimtunnel

Eine weitere Erzählung behauptet, die Affen seien durch einen geheimen Tunnel unter dem Meer von Marokko in den Felsen eingewandert – perfekter Stoff für Seemannsgarn beim Sundowner an Bord.

Kleine Fläche, viel Leben

Gibraltar ist nur etwa 6,7 km² groß, gehört aber zu den am dichtesten besiedelten Gebieten der Welt mit rund 34.000 Einwohnern. Platz gibt's nur in die Höhe.

Neandertaler-Spuren

Im Gorham's Cave Complex direkt an der Küste fanden Archäologen Spuren, dass Neandertaler hier über 100.000 Jahre lebten; die Fundstätte ist seit 2016 UNESCO-Welterbe.

Säulen des Herakles

In der Antike galt der Felsen von Gibraltar als eine der "Säulen des Herakles", die das Ende der bekannten Welt markierten – dahinter begann aus Sicht der Griechen die große, unbekannte See.

Länger britisch als die USA

Gibraltar ist länger britisch, als die USA existieren: seit dem frühen 18. Jahrhundert unter britischer Kontrolle und heute britisches Überseegebiet an der spanischen Südküste.

Spanisches Wappen

Auf dem spanischen Wappen stehen noch immer die Säulen des Herakles – die gleiche Meerenge, durch die Segler heute mit GPS, AIS und Plotter navigieren, war einst die ultimative "Hic-sunt-dracones"-Zone der Antike.

Mit dem klapprigen Klapprad über die Landebahn ins Vereinigte Königreich

Gibraltar ist kein bloßer Zwischenstopp, sondern eine Art Erlebnispark. Also heißt es am kommenden Tag für uns: Fahrräder raus und rein ins Vergnügen. Wir folgen dem Strom beräderter Pendler in den britischen Teil. Mit hochgehaltenem Pass in der einen Hand geht es, Fahrrad fahrend, durch die Kontrolle direkt zur Start- und Landebahn. Alle Tore und Schranken sind offen, die Ampeln stehen auf Grün, und gemeinsam mit dem Fußgängerstrom treiben wir – die grandiose Aussicht genießend – direkt übers Rollfeld in die Stadt. Was für ein Spaß! Wir kaufen lange benötigte Ersatzteile für FRODO und dann, nicht ganz unwichtig, einen Segelführer für das gerade auf den Törnplan gerückte spanische Mittelmeer.

Kanonen, Geheimtunnel, Schweiß und Ausblicke

Am kommenden Tag dann das gleiche Spiel – wir fahren ins Königreich, allerdings schnüren wir zuvor die Wanderschuhe, um nun endlich den Felsen zu bezwingen – zu Fuß, ohne Seilbahn-Trickserei. Unser Abenteuer beginnt am Fuß der Alameda Gardens, wo wir für 18 £ pro Nase unser blaues Armband – das Ticket ins Upper Rock Nature Reserve – lösen. Der Pfad windet sich steil die asphaltierten Straßen hoch, vorbei an alten Batterien und Bunkern aus dem Zweiten Weltkrieg. Schon begrüßt uns der erste schwanzlose Urbewohner des Felsens: ein Berberaffe. Lustige Hinweistafeln mit ernst gemeintem Hintergrund geben ahnungslosen Besuchern wie uns Anfangsunterricht in Affenmimik, um unlautere Vorhaben der Tiere rechtzeitig zu deuten und bestenfalls noch den geordneten Rückzug antreten zu können. Der Proviant wird ganz unten im Rucksack verschlossen. Schon nach den ersten Kurven tauchen wir in die Militärgeschichte ein. Mit Helm ausgerüstet durchstreifen wir einen Tunnel mit Flugzeug, Kriegsgerät und nachgestellten Szenerien. Schreie und Kanonendonner aus Lautsprechern hinterlassen einen realistisch-greulichen Eindruck vom damaligen Geschehen.

Die Great Siege Tunnels (1779–1783) sind ein Highlight: eng, kühl und voller Geschichten von 1000 Verteidigern, die Spanier und Franzosen mit List und Pulver abwehrten. Nach 400 Höhenmetern ist der Kreislauf in Schwung. Es gibt zum Lohn atemberaubende Panoramablicke auf die Landebahn, die Bucht und auf unser zukünftiges Segelrevier – das Mittelmeer. In 426 Metern Höhe posieren wir vor dem Skywalk. Unter dem dicken Mehrfachglas klafft der Abgrund. Gleich daneben posieren Schaulustige und Affen gleichermaßen an der einzigen offiziellen Futterstation des Berges. Geschickt fahren die kleinen Akrobaten auch schon mal auf dem Dach eines Taxis mit oder lassen sich kopfüber aus dem Autofenster heraus füttern. Vor dem Abstieg bewundern wir noch die St. Michael's Cave – eine Tropfsteinhöhle, die wie aus einem Fantasy-Film entsprungen wirkt. Stalaktiten und Stalagmiten funkeln in einer soundüberfluteten Lichtshow – eine Inszenierung, die ihren Charme entfaltet und die Szenerie auf das heute vom Publikum geforderte Reizlevel befördert. Mit einem Bauchkitzel auf der Hängebrücke, wo wir uns an die Kettenbrücke im heimischen Gartenreich Dessau-Wörlitz erinnert fühlen, findet die Besteigung des Berges der Erlebnisse seinen würdigen Abschluss. Froh, diesen als Wanderer erlebt zu haben, lassen wir uns zum Cappuccino in die quirlige Einkaufsmeile hinuntertreiben, bevor wir beschwingt übers Rollfeld zurück auf unser schwimmendes Zuhause radeln.

Auf zu neuen Ufern

Bevor wir das gute Wetter zum Absprung ins Mittelmeer nutzen, besichtigen wir noch die spanische Seite des Felsens und die Stadt La Línea de la Concepción, feiern auf dem Achterdeck eine Grillparty mit Felsblick und stechen hochzufrieden und vollgepackt mit Erlebnissen bei bestem Wetter in See zur Erkundung unseres neuen Reviers – dem Alborán-Meer, in dem unser Boot auf seinen langen Reisen noch nie zuvor gewesen sein dürfte.

Galerie: Gibraltar