Berühmt berüchtigt – der Golf von Biskaya: Eine Überfahrt mit
unerwarteter Wendung
20. August 2025
Der Aufbruch ins Ungewisse
Tief liegen die Wolken über der Biskaya, der Himmel verschmilzt in
einem dunklen Grau mit dem Horizont. Ist das unser Wetterfenster?
Wir vertrauen auf die Vorhersage und verlassen, guten Wind in den
voll gesetzten Segeln, die sonnige Küste der Bretagne mit ihren
mächtigen vorgelagerten Felsen. Unser Ziel liegt 340 Seemeilen
voraus auf der anderen Seite der Wetterküche Europas: A Coruña in
Spanien. Eine knappe Woche haben wir auf dieses Wetterfenster
gewartet, und es ist doch eher ein Kompromiss geworden. Was in der
6-Tages-Vorschau noch verheißungsvoll frohlockte, entpuppt sich bei
näherem Hinsehen als unsteter Wind, Flaute oder Starkwind. Das
jetzige verspricht zumindest keine Unwetter, keine Wellen über 2 m
und keinen Starkwind. Jedoch soll schon am ersten Tag der Wind nach
einer Flaute um 180 Grad drehen und uns dann zwei Tage erhalten
bleiben, mal eher schwach, mal mit 4 Beaufort. Das, wo wir jetzt
hineinsegeln, sieht aber erstmal nach Regen aus, also Regenhose,
Jacke, Gummistiefel anziehen und das Regenzelt am Cockpit anbringen.
Nach vier Stunden sind wir in der Flaute, der Regen war nur
Sprühregen und es klart allmählich wieder auf. Neuer Wind setzt von
Steuerbord ein, genau wie vorhergesagt – darauf haben wir gewartet.
Mit gutem Wind geht es gut voran, und wir segeln mit abwechselnden
3-Stunden-Wachen in die erste Nacht.
Mit der Routingsoftware planen wir voraus
Abfahrt aus der Bretagne
Abfahrt aus der Bretagne - Blick zurück
Abfahrt aus der Bretagne - Die Küste verschwindet
Begegnungen mit den Bewohnern des Meeres
Seit Mittag sind wir keinem Schiff mehr begegnet, doch wir sind
nicht allein. Wie zur Begrüßung stellen sich mehrmals Kapriolen
schlagende Delfin-Schulen am Boot ein. An den kommenden Tagen sehen
wir mehrfach gigantische Wale, die sich aber nicht aufs Foto bannen
ließen.
Delfine begleiten uns
Endlich am zweiten Abend ein anderes Segelboot
Nacht und die Tiefen der Biskaya
Schon im Laufe unserer ersten Nacht passieren wir die
berühmt-berüchtigte 4000-Meter-Tiefenlinie. Innerhalb weniger Meilen
ändert sich die Wassertiefe von knapp über 100 Meter auf über 4000.
Die größte Wassertiefe in der Biskaya beträgt 4735 m im Sables
d'Olonne Canyon. Bei ungünstigen Wetterlagen drücken die
Atlantik-Wellen mit viel Energie von weit draußen an diese
tektonische Schwelle, und es bauen sich steile Brecher von über 10
Metern auf. Auch wir werden hier überrascht, denn statt behäbiger
Atlantik-Wellen mit Periodendauern weit über 10 Sekunden gibt's für
uns Kreuzsee und kabbelige Schaukelwellen aus allen Richtungen
machen das segeln anstrengend.
Unser großer Navitisch mit Rotlicht
Nacht - endlich bringt die Mondsichel etwas mehr Sicht
Navigation und Technik auf hoher See
Das Wetterupdate und der Kontakt zu unserem Sohn per Kurzwelle
klappen bestens, und so bekommt auch unsere Homepage eine neue
FRODO-Position von ganz weit draußen. Mit unserem
Windrouting-Programm verändern wir unseren Kurs um 15 Grad nach
Steuerbord, um einem Winddreher am letzten Tag vorzubeugen und
später besser und direkt nach A Coruña segeln zu können. Ein weiser
Entschluss, wie sich noch herausstellen sollte. FRODO ist ein sehr
durchdachtes und sicheres Schiff, eine wichtige Basis für solche
Segeltörns. Durch unser Upgrade mit einem neuen verstellbaren
Propeller, der beim Segeln seine Rotorblätter in den Strom
ausrichtet, haben sich die Segeleigenschaften auch bei leichtem Wind
deutlich verbessert. Gerade auf anspruchsvollen Routen mit
wechselnden Bedingungen gibt unser Boot mit seiner bewährten
Konstruktion immer wieder ein gutes Gefühl. Am 18.8. um 15:30
überqueren wir bei mäßigem Nordwestwind die See-Grenze zu Spanien.
Keiner weiß genau, ob noch 24 oder 34 Stunden bis zum geplanten
Etappenziel vor uns liegen.
Wetterupdate mit Kurzwelle und Computer
Es geht voran
Die Biskaya fordert Respekt – dramatische Planänderung kurz vor dem
Ziel
Von Bekannten und Freunden kennen wir wahre Geschichten von
Seglerpaaren, die mit großen Ambitionen gestartet und schließlich an
der Biskaya gescheitert sind. In einem Fall ließ sich sogar ein
kanadisches Paar eine hochwertige Alu-Yacht in Europa bauen. Jetzt
steht die nagelneue Expeditionsyacht in Spanien zum Verkauf. So kann
einem das Leben auf der Biskaya mitspielen, und so wollten wir
möglichst nicht enden. Deshalb haben wir auch besonderen Wert auf
ein sicheres Wetterfenster gelegt, eines, nachdem kein Bootsverkauf
oder eine Scheidung ins Haus steht. 30 nautische Meilen vor der
spanischen Küste kommt dann doch noch das Unerwartete. Ines weckt
Thomas aus seiner Ruhezeit, denn der Wind dreht dramatisch. Statt
nun mit dem vorausgesagten Winddreher geradewegs auf unser Ziel A
Coruña zusteuern zu können, müssen wir feststellen, dass die
Wettervorhersage sich geirrt hat. Ein direkter Kurs wird unmöglich.
Stattdessen Wellen und Wind von vorne. Das Boot liegt auf der Seite,
die Wellen krachen gegen den Bug. Noch mindestens 6 Stunden liegen
vor uns, und A Coruña ist unerreichbar geworden. Hart am Wind
versuchen wir die Ria von Cedeira weiter nordöstlich anzulaufen.
Aber auch hier reicht die Windrichtung nicht aus, um auf direktem
Kurs anzusteuern. Wettererfahren spekuliert Thomas mit einem zu
unseren Gunsten drehenden Wind näher an der Küste. Diese Rechnung
geht auf, und da der Autopilot mit einem solchen extremen Kurs hart
am Wind überfordert ist, steht Thomas die letzten 5 Stunden nach 2
Nächten auf See hinter dem Steuer.
Ausweichen muss manchmal sein
Ausweichen muss manchmal sein
Ankunft in Nordspanien – das Tor zu den Rias
Ja, endlich, Ankunft in Nordspanien – einem für uns wichtigen Ort
unseres Segeljahres. Schon lange freuen wir uns auf die Erkundung
der Rias. Die spanischen "Rías" (Plural von "Ría") sind
fjordähnliche Meeresbuchten, die durch überflutete Flusstäler an der
nord- und westiberischen Atlantikküste, insbesondere in Galicien,
entstanden sind. Im Gegensatz zu Fjorden, die durch Gletscher
geformt wurden, sind Rías das Ergebnis von Landabsenkungen oder
Meeresspiegelanstiegen, die Flussläufe überflutet haben. Reizvolle
Ankerbuchten und kleine Inseln oft in Naturschutzgebieten, manche
nur mit spezieller Erlaubnis zu betreten, wunderschöne Wanderungen
in der bergigen Küstenlandschaft, Erkundungen mittelalterlicher
spanischer Architektur, ein Ausflug zum Endpunkt des Jakobsweges,
Santiago de Compostela, und vieles mehr wartet auf uns. Hier werden
wir uns gewiss eine ganze Weile aufhalten. Wir hoffen, Ihr bleibt
und gewogen und gespannt!
Wir überfahren die spanische Seegrenze
Unsere erste Ria
Blick in die Ria
Nach 5h per Handsteuerung hart am Wind - die Einfahrt in
greifbarer Nähe
Was drei Tage auf See auch noch bedeuten...
Digital Detox auf dem Atlantik
Drei Tage kein Handy, kein Internet fühlen sich zunächst an wie
eine Entziehungskur. Die gute Nachricht ist: Die Welt dreht sich
weiter, auch ohne WhatsApp und Social Media auf dem Atlantik.
Angepasste Körperpflege
Je nach Seegang und Arbeitsbelastung besteht die Morgentoilette
lediglich aus Zähneputzen und Händewaschen. Wasser ist kostbar,
und bei Schräglage und Achterbahn ist eine ausgiebige Dusche
ohnehin kaum möglich.
Nachtsicht bewahren
Mit Rotlicht erhält man sich die Anpassung der Augen an die
Dunkelheit. Besonders wichtig für den Wachhabenden, der zwischen
Kartentisch und Cockpit wechselt und dabei die Umgebung im Blick
behalten muss.
Pragmatische Ernährung
Wer trotz Seegang essen kann, braucht einfache, fertige und
schnell zuzubereitende Mahlzeiten. Wie wär's mit Yum Yum
Chicken...
Erholung und Schlaf trotz Bewegung
Schlafen geht nach Gewöhnung nur fest eingekeilt zwischen einem
Leesegel und Kissen oder Polstern, sonst rollt man bei Seegang
die ganze Zeit hin und her, nach 3 Tagen klappt es besser.
Herausforderung Bordtoilette
Auch der Gang zur Toilette erfordert bei Seegang Geschick und
Planung. Eine enge Bordtoiletten erweisen sich dabei als
praktisch, da man sich an jeder Seite gut abstützen kann.
Kurzwelle als Verbindung zur Welt
Wenn man 36 Stunden kein anderes Schiff sieht, wird die
Kurzwelle zur wichtigen Verbindung zur Außenwelt.
Wetterberichte, Nachrichten oder sogar kurze Gespräche geben
Orientierung und Sicherheit.
Einsamkeit und Weite
Die Weite des Ozeans und das Gefühl, der einzige Mensch weit und
breit zu sein, ist gleichermaßen beeindruckend wie demütigend.
Man lernt die eigene Kleinheit zu akzeptieren und entwickelt
einen neuen Respekt vor der Natur.
Ein wirklich guter Herd - er zeigt sogar unsere Schräglage
Dinner for One: Yum Yum Chicken
Fakten zu unserer Überquerung:
Galerie: Biskaya-Überquerung
Nacht - endlich bringt die Mondsichel etwas mehr Sicht
Nach 50 Stunden auf See: Spanien in Sicht
Wasser endlos weit
Erster Ankerplatz Cedeira
Ein wirklich guter Herd - er zeigt sogar unsere Schräglage
Dinner for One: Yum Yum Chicken
Delfine begleiten uns
Wir überfahren die spanische Seegrenze
Delfine spielen am Bug
Mit der Routingsoftware planen wir voraus
Endlich in Betrieb - Die neue Mastkamera liefert Bilder auf den
Eigenbauplotter
Blick in unser Achterwasser durch die Windsteuerung
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