Berühmt berüchtigt – der Golf von Biskaya: Eine Überfahrt mit unerwarteter Wendung

Abfahrt aus der Bretagne

Der Aufbruch ins Ungewisse

Tief liegen die Wolken über der Biskaya, der Himmel verschmilzt in einem dunklen Grau mit dem Horizont. Ist das unser Wetterfenster? Wir vertrauen auf die Vorhersage und verlassen, guten Wind in den voll gesetzten Segeln, die sonnige Küste der Bretagne mit ihren mächtigen vorgelagerten Felsen. Unser Ziel liegt 340 Seemeilen voraus auf der anderen Seite der Wetterküche Europas: A Coruña in Spanien. Eine knappe Woche haben wir auf dieses Wetterfenster gewartet, und es ist doch eher ein Kompromiss geworden. Was in der 6-Tages-Vorschau noch verheißungsvoll frohlockte, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als unsteter Wind, Flaute oder Starkwind. Das jetzige verspricht zumindest keine Unwetter, keine Wellen über 2 m und keinen Starkwind. Jedoch soll schon am ersten Tag der Wind nach einer Flaute um 180 Grad drehen und uns dann zwei Tage erhalten bleiben, mal eher schwach, mal mit 4 Beaufort. Das, wo wir jetzt hineinsegeln, sieht aber erstmal nach Regen aus, also Regenhose, Jacke, Gummistiefel anziehen und das Regenzelt am Cockpit anbringen. Nach vier Stunden sind wir in der Flaute, der Regen war nur Sprühregen und es klart allmählich wieder auf. Neuer Wind setzt von Steuerbord ein, genau wie vorhergesagt – darauf haben wir gewartet. Mit gutem Wind geht es gut voran, und wir segeln mit abwechselnden 3-Stunden-Wachen in die erste Nacht.

Begegnungen mit den Bewohnern des Meeres

Seit Mittag sind wir keinem Schiff mehr begegnet, doch wir sind nicht allein. Wie zur Begrüßung stellen sich mehrmals Kapriolen schlagende Delfin-Schulen am Boot ein. An den kommenden Tagen sehen wir mehrfach gigantische Wale, die sich aber nicht aufs Foto bannen ließen.

Nacht und die Tiefen der Biskaya

Schon im Laufe unserer ersten Nacht passieren wir die berühmt-berüchtigte 4000-Meter-Tiefenlinie. Innerhalb weniger Meilen ändert sich die Wassertiefe von knapp über 100 Meter auf über 4000. Die größte Wassertiefe in der Biskaya beträgt 4735 m im Sables d'Olonne Canyon. Bei ungünstigen Wetterlagen drücken die Atlantik-Wellen mit viel Energie von weit draußen an diese tektonische Schwelle, und es bauen sich steile Brecher von über 10 Metern auf. Auch wir werden hier überrascht, denn statt behäbiger Atlantik-Wellen mit Periodendauern weit über 10 Sekunden gibt's für uns Kreuzsee und kabbelige Schaukelwellen aus allen Richtungen machen das segeln anstrengend.

Navigation und Technik auf hoher See

Das Wetterupdate und der Kontakt zu unserem Sohn per Kurzwelle klappen bestens, und so bekommt auch unsere Homepage eine neue FRODO-Position von ganz weit draußen. Mit unserem Windrouting-Programm verändern wir unseren Kurs um 15 Grad nach Steuerbord, um einem Winddreher am letzten Tag vorzubeugen und später besser und direkt nach A Coruña segeln zu können. Ein weiser Entschluss, wie sich noch herausstellen sollte. FRODO ist ein sehr durchdachtes und sicheres Schiff, eine wichtige Basis für solche Segeltörns. Durch unser Upgrade mit einem neuen verstellbaren Propeller, der beim Segeln seine Rotorblätter in den Strom ausrichtet, haben sich die Segeleigenschaften auch bei leichtem Wind deutlich verbessert. Gerade auf anspruchsvollen Routen mit wechselnden Bedingungen gibt unser Boot mit seiner bewährten Konstruktion immer wieder ein gutes Gefühl. Am 18.8. um 15:30 überqueren wir bei mäßigem Nordwestwind die See-Grenze zu Spanien. Keiner weiß genau, ob noch 24 oder 34 Stunden bis zum geplanten Etappenziel vor uns liegen.

Die Biskaya fordert Respekt – dramatische Planänderung kurz vor dem Ziel

Von Bekannten und Freunden kennen wir wahre Geschichten von Seglerpaaren, die mit großen Ambitionen gestartet und schließlich an der Biskaya gescheitert sind. In einem Fall ließ sich sogar ein kanadisches Paar eine hochwertige Alu-Yacht in Europa bauen. Jetzt steht die nagelneue Expeditionsyacht in Spanien zum Verkauf. So kann einem das Leben auf der Biskaya mitspielen, und so wollten wir möglichst nicht enden. Deshalb haben wir auch besonderen Wert auf ein sicheres Wetterfenster gelegt, eines, nachdem kein Bootsverkauf oder eine Scheidung ins Haus steht. 30 nautische Meilen vor der spanischen Küste kommt dann doch noch das Unerwartete. Ines weckt Thomas aus seiner Ruhezeit, denn der Wind dreht dramatisch. Statt nun mit dem vorausgesagten Winddreher geradewegs auf unser Ziel A Coruña zusteuern zu können, müssen wir feststellen, dass die Wettervorhersage sich geirrt hat. Ein direkter Kurs wird unmöglich. Stattdessen Wellen und Wind von vorne. Das Boot liegt auf der Seite, die Wellen krachen gegen den Bug. Noch mindestens 6 Stunden liegen vor uns, und A Coruña ist unerreichbar geworden. Hart am Wind versuchen wir die Ria von Cedeira weiter nordöstlich anzulaufen. Aber auch hier reicht die Windrichtung nicht aus, um auf direktem Kurs anzusteuern. Wettererfahren spekuliert Thomas mit einem zu unseren Gunsten drehenden Wind näher an der Küste. Diese Rechnung geht auf, und da der Autopilot mit einem solchen extremen Kurs hart am Wind überfordert ist, steht Thomas die letzten 5 Stunden nach 2 Nächten auf See hinter dem Steuer.

Ankunft in Nordspanien – das Tor zu den Rias

Ja, endlich, Ankunft in Nordspanien – einem für uns wichtigen Ort unseres Segeljahres. Schon lange freuen wir uns auf die Erkundung der Rias. Die spanischen "Rías" (Plural von "Ría") sind fjordähnliche Meeresbuchten, die durch überflutete Flusstäler an der nord- und westiberischen Atlantikküste, insbesondere in Galicien, entstanden sind. Im Gegensatz zu Fjorden, die durch Gletscher geformt wurden, sind Rías das Ergebnis von Landabsenkungen oder Meeresspiegelanstiegen, die Flussläufe überflutet haben. Reizvolle Ankerbuchten und kleine Inseln oft in Naturschutzgebieten, manche nur mit spezieller Erlaubnis zu betreten, wunderschöne Wanderungen in der bergigen Küstenlandschaft, Erkundungen mittelalterlicher spanischer Architektur, ein Ausflug zum Endpunkt des Jakobsweges, Santiago de Compostela, und vieles mehr wartet auf uns. Hier werden wir uns gewiss eine ganze Weile aufhalten. Wir hoffen, Ihr bleibt und gewogen und gespannt!

Was drei Tage auf See auch noch bedeuten...

Digital Detox auf dem Atlantik

Drei Tage kein Handy, kein Internet fühlen sich zunächst an wie eine Entziehungskur. Die gute Nachricht ist: Die Welt dreht sich weiter, auch ohne WhatsApp und Social Media auf dem Atlantik.

Angepasste Körperpflege

Je nach Seegang und Arbeitsbelastung besteht die Morgentoilette lediglich aus Zähneputzen und Händewaschen. Wasser ist kostbar, und bei Schräglage und Achterbahn ist eine ausgiebige Dusche ohnehin kaum möglich.

Nachtsicht bewahren

Mit Rotlicht erhält man sich die Anpassung der Augen an die Dunkelheit. Besonders wichtig für den Wachhabenden, der zwischen Kartentisch und Cockpit wechselt und dabei die Umgebung im Blick behalten muss.

Pragmatische Ernährung

Wer trotz Seegang essen kann, braucht einfache, fertige und schnell zuzubereitende Mahlzeiten. Wie wär's mit Yum Yum Chicken...

Erholung und Schlaf trotz Bewegung

Schlafen geht nach Gewöhnung nur fest eingekeilt zwischen einem Leesegel und Kissen oder Polstern, sonst rollt man bei Seegang die ganze Zeit hin und her, nach 3 Tagen klappt es besser.

Herausforderung Bordtoilette

Auch der Gang zur Toilette erfordert bei Seegang Geschick und Planung. Eine enge Bordtoiletten erweisen sich dabei als praktisch, da man sich an jeder Seite gut abstützen kann.

Kurzwelle als Verbindung zur Welt

Wenn man 36 Stunden kein anderes Schiff sieht, wird die Kurzwelle zur wichtigen Verbindung zur Außenwelt. Wetterberichte, Nachrichten oder sogar kurze Gespräche geben Orientierung und Sicherheit.

Einsamkeit und Weite

Die Weite des Ozeans und das Gefühl, der einzige Mensch weit und breit zu sein, ist gleichermaßen beeindruckend wie demütigend. Man lernt die eigene Kleinheit zu akzeptieren und entwickelt einen neuen Respekt vor der Natur.

Fakten zu unserer Überquerung:

Strecke

330 Nm

Fahrzeit

56 Stunden

Etmal

141,4 Nm

Kurs gegenan

25h

Flaute

4h

Unter Motor

8h

Galerie: Biskaya-Überquerung