Die Kanalinseln - Wo 12 Meter Tidenhub die Navigation zum Abenteuer machen

Die Kanalinseln: Wo Gezeiten die Landschaft regieren
Nach den aufregenden Tagen in Cherbourg ist es Zeit für den nächsten
Abschnitt unserer Reise: die sagenumwobenen Kanalinseln. Dieses
Archipel zwischen Frankreich und England ist ein Segelrevier der
Extreme – und genau das macht seinen Reiz aus. Die Gezeiten hier
gehören zu den dramatischsten Europas und sind nach Kanada, die
zweithöchsten der Welt, mit einem Tidenhub von bis zu 12 Metern! In
vielen Häfen der Region ist bei Ebbe kein Wasser mehr und die Boote
fallen trocken. Diese gewaltigen Wassermassen erzeugen Strömungen
von bis zu 10 Knoten – schneller als viele Segelboote, darunter auch
FRODO, bei mäßigem Wind fahren können. Politisch sind die
Kanalinseln ein faszinierendes Konstrukt: Keine EU, kein Vereinigtes
Königreich, sondern direkt der britischen Krone unterstellt als
"Crown Dependencies". Jersey, Guernsey, Alderney, Sark und Herm
haben eigene Parlamente, eigene Gesetze und sogar eigene Währungen,
die parallel zum britischen Pfund existieren. Besonders Sark ist wie
eine Zeitreise: Bis 2008 war es Europas letzte Feudalherrschaft,
regiert vom "Seigneur". Noch heute sind Autos verboten, und
Pferdekutschen dienen als Transportmittel. Auf Herm, einer winzigen
Insel ohne Autos und mit nur 60 Einwohnern, gibt es nicht einmal
Fahrräder – ein wahres Paradies für Fußgänger. Die Navigation
zwischen diesen Inseln erfordert höchste Konzentration. Überall
lauern Felsen und Untiefen, oft nur bei bestimmten Tidenständen
sichtbar. Man sagt, bei Ebbe sind es 365 Inseln und bei Flut sind es
noch 7. Wer hier segelt, muss die Gezeitentabellen wie ein Gebetbuch
studieren und die Strömungsatlanten wie Schatzkarten lesen. Für uns
als Ostseesegler ist das eine völlig neue Dimension des Segelns.

Dramatischer Tidenhub bei den Kanalinseln

Strömungskarte der Kanalinseln

Guernsey und seine Symbole

Gefährliche Felsen und Untiefen vor Guernsey
Durch den Alderney Race: Ein Tanz mit den Elementen
"Timing ist alles" – dieser Segler-Weisheit begegnen wir nirgendwo
so deutlich wie beim berüchtigten Alderney Race. Diese Meerenge
zwischen der Insel Alderney und der französischen Halbinsel Cotentin
ist berühmt-berüchtigt für ihre tückischen Strömungen. Unser Wecker
klingelt um 4:30 Uhr. Nach einem schnellen Tee und letzten
Wettercheck legen wir ab. Der Zeitpunkt ist entscheidend: Wir müssen
den Race genau im richtigen Moment abpassen, dann haben wir die
Strömung mit uns. Verfehlen wir dieses Zeitfenster, könnten wir
gegen eine 8-Knoten-Strömung ankämpfen – ein aussichtsloses
Unterfangen. Die Anspannung ist greifbar, als wir uns dem Race
nähern. Die See verändert sich spürbar: Kabbelige, dann steile
Wellen bilden sich, schlagen gegen den Bug, Wasserwirbel entstehen
scheinbar aus dem Nichts. Konzentration und Spannung an Bord. Unsere
Geschwindigkeit über Grund schwankt merklich, obwohl der Wind
konstant bleibt – ein deutliches Zeichen für die starken Strömungen
unter uns. Auf der anderen Seite von Alderney gibt es das "Alderney
Swing" genannte Phänomen. Während der Gezeitenwechsel dreht sich die
Strömungsrichtung nicht gleichmäßig, sondern in einer komplexen
Kreisbewegung. Für etwa 20 Minuten scheint das Wasser zu tanzen,
unberechenbar in seiner Richtung. Nach zwei intensiven Stunden haben
wir es geschafft – der Race liegt hinter uns, und vor uns öffnet
sich das ruhigere Gewässer rund um Guernsey. Wir atmen auf und
gönnen uns einen Becher heißen Tee. Diese Passage war eine
Meisterklasse in Gezeitennavigation, die wir so schnell nicht
vergessen werden.

Frühmorgens auf FRODO vor dem Ablegen

Kabbelige See im Alderney Race

Felsen, Felsen und nochmals Felsen – Navigation ist alles

Die Einfahrt nach Beaucette inmitten von Felsen
Beaucette Marina: Ein Hafen wie kein anderer
Die Herausforderungen nehmen kein Ende. Die Einfahrt zur Beaucette
Marina auf Guernsey ist nichts für schwache Nerven. Vor uns liegt
ein schmaler, in den Fels gesprengter Kanal – gerade einmal 8 Meter
breit und querlaufender Strömung davor. Zu beiden Seiten ragen
schroffe Granitwände empor, die Durchfahrt erscheint wie ein dunkles
Nadelöhr zwischen weiß getünchten Felswänden. Unsere Action-Cam am
Bugkorb filmt für uns das spektakuläre Eintauchen in den
außergewöhnlichen Hafen. Die Marina war einst ein Granitsteinbruch,
der in den 1960er Jahren zum Yachthafen umgebaut wurde. Diese
einzigartige Geschichte spürt man bei jedem Meter der Einfahrt.
Besonders tückisch ist die Schwelle ("Sill") am Eingang – eine
unterwasser liegende Barriere, die nur bei ausreichendem Wasserstand
passiert werden kann. Die Marinawebsite warnt: "Nur zwei Stunden vor
bis zwei Stunden nach Hochwasser einfahren!" Unsere Planung geht
auf, wir treffen genau im richtigen Zeitfenster ein. Einmal drinnen,
öffnet sich vor uns ein faszinierendes Panorama: Ein perfekt runder
Naturhafen, umgeben von bis zu 30 Meter hohen Felswänden. Es fühlt
sich an wie in einem natürlichen Amphitheater – geschützt vor Wind
und Wellen aus allen Richtungen. Kein Wunder, dass die Beaucette
Marina als einer der sichersten Häfen der Kanalinseln gilt. Der
freundliche Hafenmeister weist uns einen Platz zu und erklärt die
Besonderheiten: "Einklarieren ist unkompliziert, nur die
Einreiseformulare ausfüllen und in den gelben Kasten am Büro
einwerfen." Von unserem Liegeplatz aus genießen wir den Blick auf
die umliegenden Felswände mit ihren geologischen Schichten – ein
offenes Buch der Erdgeschichte. Die Atmosphäre ist friedlich, fast
mystisch, besonders wenn die Abendsonne die roten Granitfelsen zum
Leuchten bringt.

Die schmale Einfahrt zur Beaucette Marina

...hier geht's rein!!!

Imposante Felswände der Beaucette Marina

FRODO bei Flut in der ruhigsten Ecke des Steinbruchs
Guernsey: Zwischen britischem Charme und französischem Flair
Mit unseren Klapprädern erkunden wir Guernsey – eine Insel, die
kulturell zwischen zwei Welten schwebt. Die Straßenschilder tragen
französische Namen, doch die roten Telefonzellen und Briefkästen
sind unverkennbar britisch. Diese Mischung verleiht der Insel einen
ganz eigenen Charme. St. Peter Port, die Hauptstadt, empfängt uns
mit kopfsteingepflasterten Gassen, die sich den Hügel
hinaufschlängeln. Die Architektur ist ein faszinierendes Gemisch aus
georgianischen Stadthäusern, normannischen Bauernhöfen und
viktorianischen Villen. Vor der Küste thront Castle Cornet, eine
imposante Festung aus dem 13. Jahrhundert, die über die Jahrhunderte
die Insel beschützte. Wir besuchen Hauteville House, wo Victor Hugo
während seines Exils lebte und "Les Misérables" vollendete. Der
französische Schriftsteller liebte die Insel und schrieb: "Guernsey
ist ein Stück Frankreich, das ins Meer fiel und von England
aufgehoben wurde." Kulinarisch ist Guernsey ein Paradies: Frischer
Hummer, "Guernsey Gâche" (ein traditionelles Früchtebrot) und
natürlich die berühmte Guernsey-Milch, die von den goldbraunen Kühen
der Insel stammt. Wir lernen ein britisches Seglerehepaar kennen,
das uns von den Besonderheiten der Region erzählt. Das Steuersystem
macht Guernsey zu einem Finanzzentrum – keine Mehrwertsteuer, keine
Kapitalertragssteuer. Doch trotz des Wohlstands hat die Insel ihren
bodenständigen Charakter bewahrt. Die "Guernsey Way of Life" ist
entspannt und freundlich. Nach drei Tagen auf Guernsey fühlen wir
uns erfrischt und inspiriert. Diese Insel hat uns mit ihrer Mischung
aus Naturschönheit, Geschichte und eigenständiger Kultur verzaubert.
Dieser kleine Umweg hat sich gelohnt.

Die Kirche von St. Peter Port

Die historische Festung Castle Cornet

Die Victoria Marina in St. Peter Port – Einfahrt nur bei
Hochwasser

Die geschäftige Marina von St. Peter Port
Fotogalerie Guernsey

Historisches Gewächshaus auf Guernsey

Wasserstand über dem Sill - wichtig für die Ein- und Ausfahrt

Das berühmte Vine House mit seiner beeindruckenden Fassade

Traditionelles Inn im Herzen von St. Peter Port

Königliche Erinnerungen in St. Peter Port

Malerischer Straßenzug in der Altstadt

Die geschäftige Marina von St. Peter Port

Farbenfrohes Straßenbild in St. Peter Port

FRODO vor den imposanten Felswänden der Marina

Thomas wechselt die Flagge bei Ankunft in Guernsey
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