Glückliche Überfahrt, zurück in Frankreich, Stadt, Land, Fluss und tückische Passagen

Überfahrt nach Frankreich

2 Meter Wellen

Dienstagmorgen, 6.00 Uhr. Gestern haben wir abenteuerlich umgeparkt, denn der Wind drohte unser Boot in der engen Marina zu vertreiben. Drei junge Marineros hatten dabei alle Hände voll zu tun, damit wir alle miteinander heil bleiben und heute schon mal vor dem Sill liegen, um rechtzeitig starten zu können. Durch den Felsspalt geht es hinaus ins Fahrwasser, ausgestattet mit guten Tipps von Kim und Allen, den beiden Briten, die uns gestern auf unserem Boot zur Kaffeezeit besucht hatten. (Das Boot der Beiden ist eine wunderschöne Moody, und wir haben erfahren, dass dieser Schiffstyp teilweise in Greifswald gebaut wird...) Nun steht der Wind günstig, die Sonne wacht auf, wir setzen die Segel vor der Victoria Marina und wollen möglichst bis Roscoff kommen. Guernsey zeigt sich uns zum Abschied noch einmal in voller Schönheit: Viele grüne Hänge, üppige Wälder, dazwischen vereinzelt hübsche Häuser und Anwesen, schroffe Felsen und Klippen. Nach der Inselabdeckung wird es ungemütlicher, weil eine 2 Meter hohe Welle mit uns Berg- und Talbahn spielt. Dies gefällt unseren Mägen leider gar nicht. Und so wird auch der folgende Segelabschnitt wenig vergnüglich für uns. Dennoch kommen wir sehr gut voran und erreichen Roscoff zeitiger als gedacht. Hier ist es wieder ruhiger und wir können endlich einmal vor Anker liegen.

Ille de Batz – Wo die Franzosen Urlaub machen

Wieder wartet ein kleines Abenteuer auf uns. Mit dem Dinghy (Gandalf) fahren wir am Folgemorgen auf die benachbarte Ferieninsel, hieven es weit hoch an den Strand einer Badebucht, möglichst sicher vor dem ansteigenden Wasser der Flut, suchen die mystische Dorfkirche auf und wandeln mit den entspannten Tourismusströmen bis zum weithin sichtbaren, majestätischen Leuchtturm. Es macht Freude, dem bunten Treiben zuzusehen, die liebevoll bepflanzten, duftenden Vorgärten der Ferienhäuser zu betrachten, an üppigen Gemüsefeldern entlangzugehen. Hier wachsen Kürbisse, Kohlrabi, Zwiebeln und Kartoffeln heran, die bestimmt wirklich schmecken werden. Einzig die Frage, ob Gandalf noch sicher in der Bucht auf uns wartet, drängt uns beim Rückweg mehr zur Eile.

Zielscheibe der Optis und Fähren?

Lustig wird es am Nachmittag auf dem Boot, weil kleine Optis direkt um Frodo düsen, ein Kleiner verheddert sich beinahe mit unseren Solarzellen, aber Thomas hilft ihm, wieder von uns los zu kommen. Am Abend wird es dann leider ungemütlich. Eigentlich möchte ich den schönen Tag an Deck schreibend genießen und Thomas muss am Kapitänspult bauen, jedoch fahren die Ausflugsfähren oft so schnell und brutal dicht an uns vorbei, dass Frodo extrem ins Wanken gebracht wird. Mein Laptop entkommt nur knapp einem Absturz, Thomas verliert mehrere Werkzeugteile, die beim Herunterfallen abbrechen. Machen die das mit Absicht? In einem der Revierführer haben wir Ähnliches berichtet gefunden. Schade, das ist das erste Mal, dass wir in Frankreich unhöflich behandelt werden.

Roscoff Marina, Umgebung und Stadt

Also gehen wir am folgenden Morgen doch in die Marina, holen unsere Räder heraus, strampeln durch hügelige Ferienlandschaft mit traumhaften Ausblicken und folgen auch hier einem Rat von Kim und Allen: Abends in die Marina Brasserie mit speziellem Dessert: Ein Cafe Gourmand kombiniert den traditionellen Kaffee am Ende einer Mahlzeit mit mindestens drei verschiedenen Mini–Desserts. In Frankreich wirklich ein Genuss! Auch ein Stadtbummel darf nicht fehlen und so zieht es uns am Folgetag in die kleinen Einkaufsstraßen mit den hübschen, geschmückten Fassaden.

Weiter Richtung Brest

Am Samstagmorgen nehmen wir Anlauf auf den Chenal du Four, um nach Brest zu gelangen. Leider treffen Wind– und Strömungsvorhersagen nicht zu, und so entscheidet Thomas auf halber Strecke, in die Flussmündung Aber Wrac'h abzubiegen. Schon die Anfahrt ist spektakulär und Respekt einflößend, weil wir vorbei an Klippen, trocken fallenden Felsen, an die die Wellen peitschen und die Gischt meterhoch spritzt, navigieren müssen. Teilweise setzt der Gezeitenstrom quer und wir sind froh, dass wir gute Sicht und leichte Bedingungen haben.

Ankern, wo Teile des Flusses trocken fallen

Dreimal werfen wir den Anker. Zuerst stellt Thomas nach einer Prüfung mit der Sonarangel fest, dass wir bei Niedrigwasser trocken fallen würden, also nochmal Anker hoch und ins tiefere Flussgebiet. Abends dreht die Strömung und wir kommen kleinen, weißen Markierungsbällen gefährlich nah. Da wir nicht wissen, wie weit die möglicherweise ausgelegten Austernbänke in den Fluss ragen, ziehen wir in der Dämmerung noch einmal um. Der Vollmond schaut uns strahlend zu und die Bootsbewegung verspricht eine unruhige Nacht.

Fischerdorf und Tourismusmagnet Plourguerneau mit Charm

Am Morgen verlegen wir uns deshalb an eine Visitor Boje vor der Marina, denn es soll Wind geben. Wieder ist es gut, dass ein junger Marinero hilft, wir liegen teuer und sicher und bestaunen die Austernbänke, die bei Niedrigwasser zum Vorschein kommen. Nebenan versuchen Bootseigner mit Muskelkraft und Schlauchboot zu ihrem Boot zu gelangen, fast gelingt es ihnen nicht, denn der Wind fegt unnachgiebig über den Fluss. Wir nehmen also lieber den Motor an das Dinghy, um nachmittags einen kleinen Ausflug zu machen.

Endlich durch den Chenal du Four

Heißt Four Feuer??? Nein, der Übersetzer liefert die Bedeutungen: Ofen, Tiegel, Herd…. aber auch Fiasko. Der berühmt berüchtigte Küstenabschnitt sollte auf keinen Fall bei Starkwind oder gar Sturm befahren werden. Rund um die Küstenspitze Pointe Saint Mathieu muss man Tidenströmungen genau kennen und zur rechten Zeit am rechten Ort sein. Thomas hat alles bestens vorbereitet und so gelangen wir problemlos durch dieses Nadelöhr, allerdings von zwei aktiven Gewitterzellen umgeben, in denen es blitzt und donnert, was die Dramatik der Situation erhöht. Leider müssen wir vorwiegend unter Motor fahren, weil der Wind zu sehr von vorn kommt. Majestätisch erheben sich die Leuchttürme am Ufer, die Felsen sind zerklüftet und ausgehöhlt. Sie sehen eigentlich ganz friedlich aus, aber bei Starkwind und Sturm sollen schon mal die Wellen bis zu den Kuppeln spritzen und selbst erfahrene Seeleute fanden hier den Tod, wenn die Versorgungsschiffe bei schwerem Wetter anlanden wollten.

Ankunft in der Bucht vor Brest

Wir gelangen in die große Bucht vor Brest und beschließen, das Warten auf ein Wetterfenster für die Biskaya ruhig und weniger kostenintensiv anzugehen. Deshalb tuckern wir in die Anse de Auberlac'h und liegen wohlig in der Sonne, man könnte meinen, in Griechenland zu sein:-).

Anse de Auberlac'h - Ein herrlicher Landausflug

Anderthalb Tage stand die Arbeit an der Webseite im Vordergrund, nun brauchen wir dringend Bewegung und sind erfreut, dass es wärmer und sonniger wird. Mit Gandalf landen wir im winzigen Hafen an und tragen ihn ins Trockene. Nun folgt eine herrliche Wanderung durch üppiges Grün. Alle Wege sind mit hohen Hecken eingehegt, es finden sich hübsche Häuser, zweisprachige Straßenschilder und ein Kreuzweg. Höhepunkt ist der schon im Internet gepriesene Biobäcker. Der junge Mann schiebt gerade viele Brote in den Holzbackofen, hat leider schon alles ausverkauft, findet dann doch noch einen Laib von gestern und lässt uns gern zuschauen. Wir sind schwer beeindruckt von diesem urigen Ort und den Menschen. Zurück im Hafen finden wir Gandalf noch wohlbehalten im Trockenen. An Deck gibt es heute hervorragend schmeckendes Biobrot mit französischem Käse. Das Leben ist schön!

Sicherheitstraining

Am Donnerstag bereiten wir uns auf die Überfahrt intensiver vor. So packen wir mal die Notpinne aus, probieren den Gebrauch der Rettungsweste, beschäftigen uns mit dem Notruf per Inmarsat und der Notruffunktion meines Handys via Satellit. Und Thomas nimmt den Wassermacher in Betrieb.

So wunderbar schmeckt die Bretagne!

Der Freitag steht noch einmal ganz im Zeichen dieser lieblichen und wilden Landschaft. Wir wandern auf urigen Waldwegen, genießen malerische Ausblicke und kehren in eine Creperie ein. Und, als hätten wir es bestellt, gibt es zur Nacht noch ein herrliches, kleines Feuerwerk am Ufer.

Übersiedlung in die Marina Camaret sur Mer

Da wir nun ganz sicher sind, dass wir am Sonntag über die Biskaya reisen wollen, verlegen wir uns mit gemütlichem Samstagssegeln in die nahe Marina, haben alle Hände voll zu tun mit Vorbereitungen und kommen dennoch kurz zum Schlendern in diesem überschaubaren Urlaubsort, der nur im Sommer so stark besucht ist. Für die Sommersegler ist sie ein sehr guter Ausgangs- oder Ankunftsort, und so treffen hier Menschen aus aller Herren Länder ein und tauschen rege Erfahrungen aus. Was wir immer wieder erfreut bestaunen: Die Franzosen sind überaus freundlich und entspannt und das überträgt sich auf die gesamte Urlaubergesellschaft. Alles wird in Ruhe geregelt, niemand regt sich auf, Eltern gehen liebevoll und entspannt mit ihren Kindern um, kein Kind quängelt oder schreit, die Hunde (viele Leute haben Hunde) sind ebenso friedlich wie ihre Herrchen… und man genießt in den hübsch dekorierten Restaurants allerlei kulinarische Köstlichkeiten. Diese Bilder und Erfahrungen speichern wir für uns ab beim Abschiednehmen von der Bretagne.

Galerie: Bretagne-Impressionen