Vier Jahre Vorbereitung.
Vier Jahre Entscheidungen, Zweifel, Excel-Tabellen, Werkzeuge,
Flugtickets, Hafengebühren, Listen – und noch mehr Listen.
Vier Jahre zwischen Atlantik, Lissabon und Ostsee.
Wie es begann: Die Suche nach dem richtigen Schiff
Wer ein Langfahrtboot sucht, sucht eigentlich ein Zuhause. Ein Zuhause, das schwimmt. Und Stürme aushält. Und Monate fernab von Marinas.
Für uns war früh klar:
Es sollte Aluminium sein. Keine
glänzend weiße Serienyacht mit Steuerrädern größer als das der
Bounty. Keine Showroom-Innenräume, die nach drei Wellen knarren,
keine Miami Beach Party Polster, die die erste Böe nicht
überleben. Stattdessen etwas Ehrliches. Robust. Reparierbar.
Gebaut, um Ozeane zu sehen. Alu ist teuer, ja. Aber Alu ist
stabil und rostet nicht, Alu ist leicht, Alu ist reparierbar –
und Alu-Yachten werden oft von Leuten mit großer Segelerfahrung
gebaut, nicht von Marketingabteilungen.
Aluminium-Langfahrtyachten sind allerdings nicht gerade Schnäppchen. Also landet man in Deutschland zwangsläufig bei einem Namen, der unter Langfahrtseglern fast Kultstatus hat: Reinke. Knickspant. Twinkiel. Eigenbau oder Halbeigenbau. Große Qualitätsunterschiede. Aber: zigfach auf Weltreise gewesen.
Und dann fanden wir die Reinke. Auf Madeira. Teuer – aber wahrscheinlich gut. Frühjahr 2021. Pandemie. Flugtickets waren rar, Beschränkungen überall. Verhandlungen. Wochenlang. Endlich – ein Termin und ein gekauftes Flugticket. Besichtigung auf Madeira.
Und dann unglaublich, zwei Tage vor Abflug die Nachricht der Erbengemeinschaft: Das Boot sei jetzt plötzlich doch an ein Familienmitglied verkauft worden. Gewissenlosigkeit? Planlosigkeit? Egal. Der Schlag saß tief. Ende der Geschichte. Oder besser gesagt: Anfang der richtigen Geschichte.
Ein Abend, der alles veränderte
Frustriert klickte ich mich durch Yachtportale. Aluboote in der Karibik. Westafrika. Griechenland. Frankreich. Zu weit. Zu teuer. Zu viel Refit. Zu wenig Vertrauen.
Und dann tauchte sie auf: Eine Nordsee 46. Alt. Aber gepflegt. Nachweisbare Refithistorie. Voll ausgestattet. Standort: La Palma. Ich wollte eigentlich eine Suchpause einlegen. Stattdessen begann die Reise unseres Lebens.
Bootsbesichtigung im Pandemie-Modus
Frühjahr 2021. Reisen war kompliziert. Spontane Flüge? Unmöglich. Boot besichtigen? Noch schwieriger. Und dann steht man endlich an Bord – und muss sich selbst bremsen.
Der wichtigste Trick bei einer Bootsbesichtigung: Nicht verlieben. Erst die nüchterne Frage: Kann man sich vorstellen, hier zu leben? Raumaufteilung. Licht. Stehhöhe. Stauraum. Gebrauchsspuren. Technik. Geruch. Geräusche.
Und dann die zweite wichtige Entscheidung: Gutachter – ja oder nein? Ja. Wir fanden Patrick. Französischer Langfahrtsegler. Er schaute in Ecken, die ich als Käufer niemals geöffnet hätte – zumal die Eigner noch an Bord lebten. Und FRODO bestand die Prüfung.
Warum dieses Boot?
Das Konzept der Nordsee 46 ist pure Langfahrt-DNA:
- Rundspant-Doppel-S-Rumpf – stark, elegant und seefest
- moderater Kiel
- Skeg-gehängtes Ruder
- stabile Reling
- hohes Freibord
- 1,85 m Tiefgang – auch für flachere Reviere
- 18,5 m Masthöhe – nicht übertakelt
- Maststufen – Wartung ohne Zirkusnummern
Die Raumaufteilung erfüllte nicht alle unsere Wünsche, aber ergab Sinn, die Höhe unter Deck war für meine 1,83 Meter gerade noch komfortabel, und selbst die Gebrauchsspuren hatten etwas Ehrliches: Dieses Boot hatte gelebt, gearbeitet, gelitten – und war immer noch da – es hat eine Seele.
Und später stellte sich heraus: Mit Verstellpropeller segelt sie auch richtig gut. Wir kauften sie. Und plötzlich hatten wir ein Problem: Was tun mit einem Boot auf La Palma, wenn die Reise erst vier Jahre später beginnen soll?
Wie findet man einen Bootsnamen?
Wer ein Boot kauft, braucht einen Namen. Und damit beginnt eine erstaunlich ernste Familien-Debatte. Listen. Vorschläge. Diskussionen. Abstimmungen. Am Ende blieb ein Name übrig: FRODO.
FRODO Beutlin (engl. Baggins) steht für lange Reisen. Für Abenteuer. Für Durchhalten. „Foxtrott – Romeo – Oscar – Delta – Oscar“ auch im internationalen Buchstabieralphabet per Funk macht dieser Bootsname eine gute Figur. Passte perfekt.
Der lange Weg nach Europa
La Palma wäre ein traumhafter Startpunkt gewesen. Aber vier Jahre Liegeplatz und Flugreisen? Nein. Also Kurs Norden.
Etappe 1: La Palma → Madeira
Erster Familientörn, Vater, Mutter, Sohn, knapp 3 Tage gegenan.
Ein Vorgeschmack auf die Realität. Madeira, die Insel, die uns
fast die Reinke gebracht hätte, wurde nun zur unfreiwilligen
Zwischenstation für unseren Frodo.
Etappe 2: Madeira → Lissabon?
Kein Wetterfenster. Wochenlang nicht. Wir segeln um Madeira,
segeln im Anflug der berühmt-berüchtigten Landebahn von Funchal,
grandios. FRODO blieb erst einmal auf Madeira. Alle mussten
zurück in den Job. Und wir suchten einen Überführungsskipper. Er
brachte sie schließlich nach Lissabon. Und dort begann Phase 2:
Ein Jahr Refit in Portugal.
Die wichtigste Wahrheit beim Bootskauf
Wer ein Boot kauft, kauft Überraschungen mit. Neue Boote? Auch. YouTube ist voll von Langfahrtabbrüchen brandneuer Yachten.
Darum ist es Gold wert, ein Boot lange vor der Reise zu kaufen. Mindestens zwei Jahre Kennenlernen. Reparieren. Umbauen. Verbessern. Wir hatten dieses Glück. Und wir nutzten es.
Die Liste der Überraschungen
Hier eine kleine Auswahl dessen, was FRODO „mitgebracht“ hat:
- Ein fast gebrochener Kühlwasserschlauch durch falsche Verlegung und Schleifen an der Wellenkupplung
- Eine völlig verstopfte Toilettenleitung – das war keine Freude ;-(
- Undichte Wasserpumpen und Leitungen
- Undichter Ruderkoker
- Fenster durch die es reinregnet
- Windmesser zeigt nichts an
- Ankerwinsch streikt
- Spiel in der Ruderachse
- Undichte Auspuffanlage mit verdeckter Korrosion
- Elektrik-Probleme
- Batterien, die beim Laden kochten
- Wellenlager verschlissen
- Kühlschrank kühlt nicht
- Unterwasseranstrich unwirksam
Kurz gesagt: Ein ganz normales Gebrauchtboot.
Refit: Jahre des Schraubens
Und dann begann das, was viele Segler heimlich lieben: Verbessern. Basteln. Optimieren. Ein paar Highlights der nächsten Jahre:
2021–2022
- Toilette raus, Trockentoilette rein – Zu- und Ablauf blind gelegt (wer einmal eine verstopfte Bordtoilette bei rauer See repariert hat, weiß, warum)
- Unterwasserschiff komplett neu aufgebaut
- Ruderlager erneuert, gebrochener Quadrant geschweißt
- MaxProp Feathering Propeller installiert
- Turbolader überholt
2023 – Das große Technikjahr
- Navigations- und Elektronikpanel neu
- OpenCPN mit Raspberry-System
- Lithium-Batterien
- Sensoren für den Zweitplotter
- Bilgenalarm
- Solarverkabelung neu
- WLAN & Mobilrouter neu
- Tauchkompressor als Eigenbau zum Putzen und Tauchen
2024–2025
- Neues Dinghy + 6 PS Außenborder
- Kurzwellenfunkanlage
- Neues Antifouling
- Neue Fock
- Wassertankbeschichtung erneuert, eine Riesenarbeit
- und, und, und...
Ein Boot refitten heißt: Das Boot wird Stück für Stück dein Boot.
Deutschland. Ostsee. Lernen.
2022 kommt FRODO nach Deutschland. Und endlich beginnt der schönste Teil: Segeln. Ostsee. Dänemark. Polen. Schweden. Wir lernen das Boot kennen. Und uns selbst.
Wir rufen Jahre aus:
- Das Jahr der Windsteueranlage – lautlos segeln ohne Strom
- Das Jahr des Gennakers – Leichtwind meistern
Wir trimmen. Testen. Verbessern. Und drücken FRODO immer stärker unseren eigenen Stempel auf.
Und jetzt?
Jetzt ist FRODO bereit. Und wir auch.
Vier Jahre Vorbereitung haben aus einem Boot ein Zuhause
gemacht.
Aus einer Idee ein Projekt.
Und aus einem Traum eine bevorstehende Reise.
Die Leinen sind bald los. Und die eigentliche Geschichte beginnt erst jetzt.