Ankunft und Fazit – ein Jahr auf See mit FRODO

FRODO im Abendlicht CARD
FRODO im Abendlicht CARD

Wir berichten von unserer Ankunft in Deutschland nach einem Jahr auf See und in fremden Ländern, vom Reverskulturschock, von wunderbaren Wiedersehensbegegnungen, von kaputten Haushaltgeräten und der emotionalen Achterbahn und dem Start ins Landleben und schauen zurück auf das, was war und was uns bewegt hat.

Von Herkunft bis Ankunft

Wir sind froh und aufgeregt, verabschieden uns von Gedser. Motorsegelnd queren wir bald problemlos Schifffahrtsgewässer und dann sind wir wieder in Deutschland. Das ist schon ein erhebendes Gefühl! Ein letztes Mal während dieser Langzeitreise holen wir die dänische Gastlandflagge ein und sehen bald die deutsche Küste und Hiddensee. Wie immer ist es sehr spannend, durch die eng betonnten Wasserwege vor Hiddensee zu navigieren, aber nun ist uns alles vertraut und doch so neu, denn wir können unsere Segelheimat mit anderen Augen sehen. Vor Barhöft passieren wir die Stelle, an der wir fast genau vor einem Jahr ankernd lagen. In der Ferne taucht Stralsund auf und der Wind meint es gut mit uns, denn wir können sogar mit Schmetterling ruhig und friedlich dahinsegeln. Was für ein gütiger Empfang!

Rechtzeitig erreichen wir die Brückenöffnung bei Stralsund und fahren in den Strelasund ein. Da wir nun so nah am Ziel sind und das Wetter passt, machen wir uns bereit zur „Punktlandung“ am 1.7.2026. Wir werfen den Anker vor Gustow, weil uns noch eine Nacht bis zur perfekten Ankunft bleibt.

Alles genau so, nur viel schöner!

Nun ist es also tatsächlich soweit! Davon habe ich in den letzten Wochen und Monaten schöne Bilder im Kopf gehabt, gerade wenn es mal wieder nicht so leicht war. In meiner Vorstellung sah ich, wie wir mit wehenden Gastlandflaggen bei strahlendstem Sonnenschein ankommen und an Land sollten im Idealfall winkende Menschen stehen…

Und dann geschieht alles genau so, nur noch viel schöner als erwartet!

Mit Bedacht und auch ein wenig Stolz fädeln wir die Gastlandflaggen an die Backbordseite. Sie wehen zwar gerade nicht, da Flaute herrscht, aber sie leuchten in der Sonne. Erinnerungen an jedes einzelne Land werden in Sekundenschnelle wach und auch die Frage, ob wir das jetzt nur träumen, oder ob es wirklich stattfindet, stelle ich mir insgeheim.

Da Thomas’ Schwester aus Mitteldeutschland anreist, unsere beste Freundin Uli aber bereits in Seedorf eingetroffen ist, kamen wir gestern auf den Gedanken, noch einen Zwischenstopp am Palmer Ort einzuladen und Uli einzuladen, mit ihrem SUP vom Ufer aus zu uns zu kommen. Das ruhige Wetter spielt uns dafür sehr gut „in die Karten“ und so wird unsere Ankunft mit einer „Vorankunft“ gekrönt, die Langzeitsegler wohl eher selten erleben.

Ganz in Ruhe, ohne Hast sehen wir sie auf uns zukommen und ganz privat dürfen wir uns auf Frodo nach über einem Jahr in der Ferne wieder in die Arme schließen. So wäre mir das nicht einmal im Traum eingefallen!

Uli kennt FRODO nur von Bildern, wir haben viel zu erzählen, genießen das kurze gemeinsame Bordleben und freuen uns auf Seedorf.

Inzwischen ist Uta vor Ort, wir verabschieden Uli nur für kurze Zeit, sie wird mit SUP und Auto zurück nach Seedorf fahren. Für uns heißt es ein letztes Mal „Anker auf“ und weiter!

Unterwegs geht es an der „Vogelinsel“ vorbei. Auf dem Having sehen wir in der Ferne ein schönes grünes Segelboot „unter Vollzeug“. Thomas erkennt, dass es das Boot von Jochen sein muss, die „Gefion“, die er aus Seedorf kennt. Mit Jochen haben wir bei unseren Kurzaufenthalten in Seedorf schon zweimal gesprochen. Als er dann aus der Ferne deutlich winkt, grüßen wir voller Freude zurück! Schön, dass wir bereits einen Menschen kennen, der in Seedorf seine seglerische Heimat hat!

Die Einfahrt in die Lanckener Beek vor Seedorf ist eng und flach, unsere Box Nr.2 ist belegt, aber der diensthabende Hafenmeister hat uns die Box 1 reserviert und weiß, dass wir kommen. Deshalb sitzen bereits drei Vereinsmitglieder auf der Bank am Steg und warten auf uns. Auch Uli und Uta winken und rufen und filmen und fotografieren.

Wir haben ordentlich zu tun, weil wir nur mit Mühe zwischen die Dalben passen, zuerst denken wir, dass wir wieder umkehren und ankern müssen, aber nach etwas beherzterem Anlauf klappt es dann doch und die knackende Solarzelle kommt zum Glück ohne Schaden davon.

Leinen übergeben, Sortieren, Abfendern, Kommunizieren….. Uta in die Arme schließen…. Die Freude ist riesig!

Am Ufer steht schon ein bunt gefüllter Getränkekasten „mit und ohne“ bereit. Uli hat an alles gedacht. Schnell kommen wir ins Gespräch mit den netten Bootsnachbarn und werden herzlich aufgenommen.

Frodo ist angekommen beim „Segelsportverein Lancken Granitz“. Der Traumliegeplatz an der Ostsee ist erreicht und wir fühlen uns irgendwie auch gleich zu Hause an diesem besonders schönen Ort.

Danach

Kaum haben wir alles sortiert, gönnen wir uns mit Uta und Uli ein schönes Abendessen im nahen Hotel.

Dann fahren wir mit Uli im Auto zurück nach Seedorf, schlendern über die Brücke nach Lancken Granitz, genießen den Wiesenduft und das Abendlicht, bedienen uns auch nochmal aus dem Getränkekasten.

Der Abend ist lauschig, es bleibt sehr lange hell und warm. Wir bestaunen die schöne Landschaft ringsum.

Kurz vorm Dunkelwerden legt Jochen an. Wir bitten ihn spontan darum, uns Gesellschaft zu leisten und so sitzen wir bis spät in die Nacht hinein im stillen Vereinshafen und haben viel Erzählstoff.

Am Morgen danach frühstücken wir mit Uli, bevor sie zu ihren Hamburger Freunden weiter fährt.

Die folgenden zwei Tage gibt es viel zu tun, um das Boot vor unserer Abreise klar zu machen.

Unterdessen wartet Uta geduldig auf uns.

Wir erleben, wie geschützt FRODO hier liegt, während es draußen ordentlich windet. Manchmal scheucht uns eine Regenhusche unter Deck.

Am Abend des dritten Tages gibt es „Resteessen“ an Bord und am 4. Juli bringt uns Uta mit vollgepacktem Auto nach Dessau.

Es bleibt erst einmal keine Zeit zum Innehalten und Reflektieren, das neue Tempo erfasst uns rasend und reißt uns mit.

Nach einem Jahr – endlich wieder zu Hause in Dessau

Nach einer solchen Reise unversehrt nach Hause zu kommen, empfinden wir als ein großes Glück. Gleichwohl fremd und vertraut gehen wir zögerlich auf Entdeckungstour durch den Garten, die Veranda, den Keller, die Küche, das Wohnzimmer. Wunderbar, was es alles gibt, sogar eine Waschmaschine, einen Konzertflügel, eine Werkstatt... Endlich wieder ein Haus, das nicht schwankt und schaukelt, welches sich nicht von der Ankerkette losreißen kann, welches bei einer Undichtigkeit nicht voller Wasser läuft und sinkt oder mit anderen Häusern zusammenstößt, auf Grund läuft oder wo man sich auf der Toilette mit zwei Armen festkeilen muss, damit man nicht runterstürzt. Wiedersehensfreude – Nachbarn umarmen uns, Freunde kommen, wir besuchen Ines' Mutter – endlich, das haben wir vermisst und wir sind sehr froh über diese Augenblicke.

Was uns sonst noch erwartete. Bitte nicht lesen, falls ihr plant, ein Jahr zu verreisen!

Irgendwie schienen der Garten und der Haushalt sich während unserer Abwesenheit gelangweilt oder gar geärgert zu haben und fordern ein Jahr verpasste Aufmerksamkeit gnadenlos zurück. In der Küche gibt es 14 Tage lang das Totalchaos. Wir leben zwischen Geschirrspülerseitenwänden, Geschirrkörben, einer Gefrierschranktür, Dichtungen und Werkzeugen. Ein multiples Versagen der wichtigsten Lebenserhaltungsgeräte in der Küche fordert die Rückkehrer zum Großeinsatz heraus. Kaum zu glauben, was alles und auf welche Art und Weise nicht mehr funktionierte. Unsere geliebte italienische Espressomaschine bekommt ein neues Thermostat und mehrere neue Dichtungen, der Geschirrspüler lässt sich mit einem neuen Drucksensor wieder zur Kooperation bewegen, unser Multifunktionsbackofen will unbedingt einen neuen Motor für seinen Drehteller, damit er wieder Brot bäckt und der Gefrierschrank fordert eine neue Türdichtung und Türscharniere, damit er wieder nur noch seinen Innenraum kühlt und dort nicht mehr vereist. Die Toilettenspülung wird grundüberholt und 2 Duschthermostate bekommen eine neue Regelpatrone bzw. müssen komplett getauscht werden, die Schiebtür zur Veranda bekommt eine neue Aufhängung und auch der Klingelknopf wird überholt. Tja und das vorher verkaufte Auto braucht auch einen Nachfolger. Langweilig war das nicht. Im Garten schaffen wir in den ersten Tagen nur die gröbste Eindämmung des Schadens und haben aber schon mehrere Tonnen und Säcke voll mit Unkraut und Straßendreck angehäuft, die sich kaum entsorgen lassen.

Eben angekommen, ziehen die ersten Wochen zu Hause wie ein Wirbelwind an uns vorbei. Der Terminkalender ist zwar voll mit Arbeit von morgens bis abends, aber die vielen herzerwärmenden Begegnungen mit vertrauten Gesichtern entschädigen für alles. Ob wir mit diesem Trubel gerechnet haben? Wohl schon, aber wenn es dann passiert, ist es doch jedes Mal aufs Neue aufwühlend. Doch letztlich war die ganze Reise genau so gestrickt: Ein Wechselspiel aus Schweiß und Mühe am Boot – belohnt durch unzählige magische Momente.

Würden wir es trotzdem wieder tun? Ohne zu zögern. Man braucht die Energie dafür, keine Frage. Aber genau deshalb haben wir die Segel heute gesetzt und den Traum nicht um weitere fünf Jahre aufgeschoben.

Zurück auf FRODO

Nach 3 Wochen gibt es kein Halten mehr – die wichtigsten Baustellen zu Hause sind in Arbeit und bevor uns der Alltag einholt, fahren wir zur Ostsee. Das Wetter ist super, Saison auf der Insel, viele Wochenendsegler aus Greifswald kommen und baden nach dem Anlegen einfach im Hafen, wir aber schwimmen im Wechselbad der Gefühle. Wir kommen zurück auf unser Zuhause, zurück auf FRODO.

Unser Segeljahr – Ein Fazit

Unser Jahr in Zahlen

  • Gefahrene Distanz: Über 6.000 Seemeilen von Usedom bis Andalusien und zurück in die Ostsee mit etlichen Abbiegungen zwischendurch z.B. drei Stationen auf dem afrikanischen Kontinent.
  • Hafentage wegen Starkwind: Schätzungsweise 25-30 – deutlich mehr, als uns lieb war, zuletzt sogar kurz vor der Grenze nach Deutschland 3 Tage auf Vlieland, aber der Respekt vor der Natur ging immer vor. Vom Wetter her war es sicher nicht das günstigste Jahr.
  • Motorstunden: Natürlich zu viele – ehrliche Wahrheit gegen Segel-Romantik, wenn der Wind mal wieder komplett einschlief oder es gegenan gehen musste – das Wetter war wirklich sehr launisch.
  • Verschlissene Fender: Null! Alle haben durchgehalten und unterwegs sogar noch selbstgenähte Hüllen spendiert bekommen.
  • Befahrene Länder: 9 (Deutschland, Dänemark, Niederlande, Belgien, Frankreich, England/Kanalinseln, Spanien, Portugal, Marokko).
  • Tierische Begegnungen: Gefühlt Hunderte Delfine (von winzig-flink bis riesig und sportlich), ferne Wale in der Biskaya, Schweinswale in der Ostsee, immer mal wieder Seerobben – ausgerechnet in der extrem geschäftigen Hafeneinfahrt von Rotterdam – z.B. eine tiefenentspannte Robbe, unzählige Medusen, Ohrenquallen und Portugiesische Galeeren u.s.w.
  • Verbrauchtes Kaffeepulver: Geschätzt 20 kg. Definitiv mehr als gesund ist. Unser Highlight: Etliche Tüten Spezialitätenkaffee der Rösterei Syra aus Madrid, die wir seit Almerimar an Bord gebunkert hatten und die erst in der Ostsee alle waren – das war gute Planung würde ich sagen :-)
  • Waschsalon-Stopps: XX-mal Wäschewaschen quer durch Europa. Mal 3 Euro für eine Maschine wofür Engländer und Franzosen auch mal 7 Euro haben wollten.
  • Reparaturen: 20++… Segeln ist das Reparieren an den schönsten Orten der Welt, es gibt eine lange Liste der vielen kleinen Reparaturen – zum Glück hat FRODO sehr gut durchgehalten und es gab keine großen Havarien oder Schäden. Was wir so hatten: zwei undichte Druckwasserschläuche (einer auf Fehmarn, ein anderer in Port Blanc), UKW–Antenne in Nazaré, Kühlschrank in Almerimar, Wellenlager in Almerimar, Lazy Bag in Almerimar, kleines Loch im Segel in Lagos, Großbaumbeschlag in Portimão, eine Solarzelle in Porto, Kabel der Mastkamera in Almerimar, Antennenkabel im Mast in Nazaré, Windgeber auf dem Mast in Almerimar...

Unter Segeln von der Ostsee bis Afrika und zurück - Fragen an Ines und Thomas

Vor Anker im NOK
Vor Anker im NOK
Frage Null: Zuerst - das Wichtigste: Hat sich die Reise für euch gelohnt?
Ines
Jede Sekunde hat sich gelohnt.
Thomas
Zu 100% JA. Daran gibt es überhaupt keine Zweifel. Diese Reise hat uns auf so vielen unterschiedlichen Ebenen und in schier unzähligen Facetten bereichert, im positiven Sinne belehrt und unseren Blick geweitet. Wenn man allein daran denkt, wie man so ein Projekt plant, ein Boot sucht, findet und vorbereitet, wie man sich selbst weiterbildet, um dieser Aufgabe gewachsen zu sein, dann unterwegs der Umgang mit den Bedingungen auf dem Ozean, unsere Erfahrungen in den verschiedenen Ländern, die Weggefährten und Menschen denen man begegnet und die man auch zurücklässt, was für ein unschätzbarer Reichtum im immateriellen Sinne das alles ist. Nicht umsonst schreibt so mancher ein Buch über solche Erfahrungen.
Der Sprung ins Unbekannte - Vorbereitung & Start: Der Tag des Ablegens auf Usedom: Was ging euch im Moment des Losfahrens durch den Kopf und wovor hattet ihr den größten Respekt?
Ines
Ich dachte: Wie schön, es geht endlich los! Vor Unwetter, Unfällen und Krankheit hatte ich einen Riesenrespekt.
Thomas
Ich hatte das Gefühl ganz in mir zu ruhen. Wir hatten uns und FRODO bestmöglich vorbereitet, hatten alles Gepäck schon an Bord. Wir haben einfach in Dessau die Tür abgeschlossen und sind sehr unspektakulär mit dem Zug und einem One-Way-Ticket nach Krummin gefahren und am Morgen darauf sind wir abgelegt. In unserem Heimathafen hat irgendwie auch keiner davon Notiz genommen, dass wir jetzt für die große Fahrt ablegen und so konnten wir uns ganz auf uns besinnen, den stillen Morgen genießen und durch die Klappbrücke bei Wolgast fahren. Mir war klar, dass es viele Ungewissheiten gibt, aber das ist ja auch der Reiz einer solchen Reise. Den größten Respekt hatte ich vielleicht vor dem Zusammentreffen von schwerem Wetter mit meiner Neigung zur Seekrankheit und dass ich im Extremfall vielleicht das Boot nicht mehr richtig führen kann, aber so weit ist es zum Glück nie gekommen.
Das Boot und die Vorbereitung: Was war rückblickend die beste Entscheidung bei der Ausrüstung und was würdet ihr heute ganz anders angehen?
Ines
Auf Frodo kann man sich sicher fühlen und die Ausrüstung war so gut, dass es für unsere Reise und Wünsche exakt passte. Ich dachte, dass ich das, was mir an Kraft fehlt durch „Köpfchen“ ersetzen kann, das ging leider nicht immer so. Einhandsegeln auf der Biskaya bei Nacht, wenn die Kraft für die Winchen fehlt, ist ungünstig. Das Großsegel allein setzen war definitiv auch zu schwer für mich und den Außenborder des Beibootes habe ich leider nicht sicher starten können, da fehlte definitiv die Kraft, ein Elektro-Außenborder wäre vielleicht eine Alternative.
Thomas
Eine der besten Entscheidungen war vielleicht unser Bootskauf selbst und dass wir uns dabei nicht vom Alter des Bootes (40 Jahre) haben abschrecken lassen. Die heute gebauten Boote, die in Robustheit, Seegängigkeit, Langlebigkeit und Durchdachtheit mit FRODO mithalten können, kann man an einer Hand abzählen – das finde ich erschreckend. Ich denke, wir haben vieles sehr richtig gemacht, besonders liebe ich die Kurzwellenfunkanlage und meinen Eigenbauplotter, auch die Entscheidung, das WC gegen eine Trenntoilette auszutauschen, finde ich immer noch richtig. Dann gibt es noch einen kleinen Ausrüstungsgegenstand, den ich noch in allerletzter Minute besorgt habe und der uns fast jeden Tag erstaunt und erfreut: der Omnia. Das ist ein spezieller Energiespartopf für den Gasherd mit dem man z.B. auch Brot und Kuchen backen, aber auch Brötchen aufbacken und natürlich Essen kochen kann. Dieser Topf spart so viel Gas ein, dass wir mit zwei 11kg Gasflaschen über das Jahr gekommen sind (wir kochen allerdings auch manchmal elektrisch z.B. Cappuccino).
Der Alltag im Mikrokosmos - Leben an Bord: Ein ganzes Jahr auf wenigen Quadratmetern: Wie hat sich das Zusammenleben auf so engem Raum im Laufe der Monate verändert?
Ines
Nach vielen, vielen Jahren der Partnerschaft, die wir oft getrennt an unterschiedlichen Orten und mit ständig sich verändernden Dienstplänen gelebt haben, waren wir dankbar, endlich immer in Zweisamkeit zusammen sein zu können. Segelmanöver verlangen oft eine klare Hierarchie und lassen dann wenig Spielraum für Diskussionen mit langen Abstimmungsprozessen. Das war zu Beginn der Reise manchmal schwierig für uns. Wir haben aber gute Möglichkeiten der Kommunikation und Reflexion gefunden, um schwierige Situationen im Nachhinein gemeinsam zu bewerten und daraus zu lernen. Wir haben uns immer besser verstanden und sind immer mehr zusammengewachsen. Unser Zusammenleben hat eine noch viel größere Tiefe und Nähe erreicht und die gemeinsame Meisterung der Herausforderungen bestätigte, dass wir eine gute Crew sind und dass wir uns aufeinander verlassen können, uns gegenseitig respektieren und unterstützen und im Team gut ergänzen.
Thomas
Es ist besser geworden. Wir sind ja auch schon vorher mehrere Wochen am Stück miteinander gesegelt und wussten in etwa, worauf wir uns einlassen. Dennoch mussten wir uns zusammenfinden, gerade auf den Nachtfahrten und langen Schlägen. Da galt es herauszufinden, wo hat der andere seine Grenzen, wo man selbst, wie geht man damit um, wenn es mal nicht optimal läuft. In dieser Beziehung haben wir beide dazugelernt, sind geduldiger und gelassener geworden.
Von der Ostsee über den Atlantik bis nach Südspanien: Welche Begegnung mit Menschen oder Ländern hat euch unterwegs am meisten überrascht?
Ines
Es gab so viele tolle Überraschungen und Begegnungen, dass ich mich gar nicht entscheiden kann. Deshalb habe ich ja auch so viel aufgeschrieben :-)
Thomas
Es gab sehr viele wunderbare Begegnungen – gerade auch die Menschen die einem über den Weg segeln sind schon eine solche Reise wert. Uns hat überrascht, wie viele unterschiedliche Wege es doch gibt, mit einem Segelboot auf Langfahrt zu gehen, da scheint kaum ein Weg dem anderen zu gleichen. Und auch wirklich jedes der 9 oft auch sehr unterschiedlichen von uns bereisten Länder haben wir auf die ein oder andere Art in positiver Erinnerung. Wo doch gerade in Deutschland ein gewisser Pessimismus um sich zu greifen scheint, kann ich sagen, dass wir in Europa zum Glück sehr viel Optimismus gesehen haben.
Die Höhen und Tiefen – Extreme: Es läuft nicht immer alles nach Plan: Was war der härteste oder kritischste Moment der Reise, an dem euch vielleicht Zweifel kamen?
Ines
Die zweite Biskaya-Überquerung war wirklich teilweise beängstigend, vor allem, als das Steuer blockierte und die Gefahr bestand, dass wir die Notpinne rausholen müssen. In schwierigen Situationen habe ich gedanklich mehr als einmal das Boot verkauft :-).
Thomas
Irgendwie habe ich niemals daran gezweifelt, dass das was wir gerade tun, richtig ist, auch in den schweren Momenten, die es natürlich gab. Natürlich gab es auch nicht so schöne Tage, wenn ich z.B. an unsere Stürme denke, die wir in Almerimar auf dem Trockendock erlebt haben, alles war schlammig und dreckig, klebte vor Salzwasser, weil der Wind die Gischt auf das Land blies und wir mussten trotzdem am Boot weiterarbeiten. Oder bei unserer zweiten Biskaya-Überquerung haben uns das unstete Wetter und die chaotischen Wellen mit einer latenten Seekrankheit zu schaffen gemacht, und schließlich hatten wir bei unserer Rückkehr auf der Nordsee auch einige Tage mit schwierigen Bedingungen, waren wohl auch gesundheitlich etwas angeschlagen, so dass wir uns beide wünschten, doch schon in der Ostsee zu sein. Dennoch war ich immer der Meinung, dass solche Phasen dazugehören und sich die Anstrengungen lohnen. Die Amplituden des Befindens sind einfach beim Langfahrtsegeln größer als am Küchentisch zu Hause.
Und das Gegenstück dazu: Welcher eine, magische Moment oder Ort hat alle Anstrengungen der Reise sofort vergessen lassen?
Ines
Auch hier gibt es nicht DEN einen magischen Moment, sondern ein Kaleidoskop der Erinnerungen, Begegnungen, Gefühle, Erfahrungen und jeder dieser Momente ist kostbar und unvergesslich und sollte nicht gegeneinander aufgewogen werden. Aber am nachhaltigsten waren die Begegnungen mit Menschen, das Kennenlernen unterschiedlichster Lebensentwürfe, der Besuch von Johannes und der enge Kontakt zu lieben Familienmitgliedern und Freunden.
Thomas
Das ist schwer, denn davon gab es wirklich viele. Der Besuch unseres Sohnes Johannes zu Weihnachten war eine wirklich schöne Zäsur und auch eine herzliche Geste. Wenn es etwas Magisches sein soll, dann vielleicht unsere Wanderung im Rifgebirge, bei schönstem Wetter durch den Fluss zur Gottesbrücke in Marokko. Aber gerade von faszinierenden Orten und Momenten war diese Reise so übervoll, dass ich da nichts missen möchte - die raue und doch so herzliche Bretagne oder ganz speziell auch die in einem ehemaligen Steinbruch eingebettete Beaucette-Marina auf Guernsey, dann Brügge, Granada, Córdoba, die Straße von Gibraltar, Porto, Nazaré und und und... oder das maritime Leben generell, ganz nah mit dem Ozean oder den Meeren, dem Wind, ganz nah an der Natur, all das wird unvergesslich bleiben und ist ein großer Schatz, den wir in uns tragen.
Die Rückkehr und das Fazit – was bleibt: Nun hat sich der Kreis geschlossen: Hat diese lange Zeit auf dem Wasser euren Blick auf die Heimat oder das Leben an Land verändert?
Ines
Ja, sehr. Ich fühle mich zu Hause, wenn ich mit Thomas zusammen sein kann (das liest sich jetzt sehr romantisch, ist es auch). Aber auch die Gewissheit, dass es in Dessau einen Ankerplatz für uns gibt, dass unsere Familie und die Freunde unsere Heimat darstellen, die ist jetzt noch viel klarer in mir präsent. Ich habe einen Grad der Entschleunigung erreicht, den ich mir gern erhalten würde. Ich bin neugierig auf neue Abenteuer. Es könnte sein, dass ich anderen Menschen gegenüber toleranter geworden bin. Dass das Leben sich ständig verändert und sämtliche Pläne in Sekundenschnelle über Bord geworfen werden können oder müssen, ist mir bei dieser Art des Reisens spürbar bewusst geworden. Es wäre schön, wenn ich mir meine gelassenere Haltung diesbezüglich erhalten könnte.
Thomas
Definitiv. Ich bin selbst gespannt wie sich das im Alltag anfühlen wird, was und wieviel davon bleibt und wie gut wir uns wieder zurückfinden. In Deutschland sollte man sich vielleicht nicht so sehr über Kleinigkeiten aufregen und mehr unsere Gemeinsamkeiten im Land und in Europa sehen und betonen und auf diese Weise mehr Kraft und Zeit für die wirklich wichtigen Themen haben. Ich glaube durch die Reise bin auch ich toleranter und vielleicht geduldiger und gelassener geworden.
Wenn euch jemand fragt, der von einer ähnlichen Reise träumt: Was würdet Ihr anders machen, was genau so?
Ines
Verfolge deinen Traum, verschiebe nichts in zu weite Ferne und erkenne, was dir gut tut und was nicht. Das haben wir beherzigt und wir hatten das Glück, es so leben zu können. Ich würde nichts anders machen.
Thomas
Ich finde, wir haben das ziemlich gut gemacht. Besonders günstig empfand ich die Tatsache, dass wir rechtzeitig unser Boot FRODO gefunden hatten. Also wenn ihr könnt, sammelt Erfahrungen mit eurem Boot, lernt euer Boot vor einer Langfahrt kennen, baut um, baut ein und baut aus, richtet alles so ein, wie ihr es braucht. Aber natürlich geht es auch ganz anders: gerade ein Boot gekauft, keine Ahnung vom Segeln und die Leute kommen trotzdem an und machen die Reise ihres Lebens.
Die Frage nach der Zukunft: Segelt ihr weiter – was passiert nach dem Sabbatjahr?
Ines
Ja, wir werden sicher weiter segelnd unterwegs sein. Wie das neben der Arbeit möglich sein wird und ob es mit oder ohne Frodo stattfindet, wird sich zeigen. Wir haben aber auch noch andere Interessen und Sehnsüchte und das Segeln wird nicht mehr die Hauptsache, aber einen gewichtigen Teil unseres Lebens darstellen.
Thomas
So lange wir gesundheitlich noch können und Kraft haben, segeln wir weiter. Unser neuer Heimathafen ist ein wunderbarer Ausgangspunkt für kleine und große Törns. Die Ostsee, das wussten wir auch schon vor der Reise, ist ein wunderbares Segelrevier.
Zum Abschluss – Das Jahr in einem Wort?
Ines
„Unglaublich!“
Thomas
„Grenzverschiebung.“
Und in einem Satz?
Ines
Unglaublich schön und wunderbar, bereichernd, erfüllend, aufbauend, herzwärmend, lehrreich, bezaubernd, motivierend, fantastisch, aber auch herausfordernd, kräftezehrend, beängstigend!
Thomas
„Dieses Segeljahr war eine großartige und herausfordernde Reise hinaus in die Welt, zu den Kulturen und Menschen, zur Natur und zu uns selbst.“
BILBO BEUTLIN zu FRODO
BILBO BEUTLIN zu FRODO
THE END