Wir berichten von unserer Ankunft in Deutschland nach einem Jahr auf See und in fremden Ländern, vom Reverskulturschock, von wunderbaren Wiedersehensbegegnungen, von kaputten Haushaltgeräten und der emotionalen Achterbahn und dem Start ins Landleben und schauen zurück auf das, was war und was uns bewegt hat.
Ankunft und Fazit – ein Jahr auf See mit FRODO
Von Herkunft bis Ankunft
Wir sind froh und aufgeregt, verabschieden uns von Gedser. Motorsegelnd queren wir bald problemlos Schifffahrtsgewässer und dann sind wir wieder in Deutschland. Das ist schon ein erhebendes Gefühl! Ein letztes Mal während dieser Langzeitreise holen wir die dänische Gastlandflagge ein und sehen bald die deutsche Küste und Hiddensee. Wie immer ist es sehr spannend, durch die eng betonnten Wasserwege vor Hiddensee zu navigieren, aber nun ist uns alles vertraut und doch so neu, denn wir können unsere Segelheimat mit anderen Augen sehen. Vor Barhöft passieren wir die Stelle, an der wir fast genau vor einem Jahr ankernd lagen. In der Ferne taucht Stralsund auf und der Wind meint es gut mit uns, denn wir können sogar mit Schmetterling ruhig und friedlich dahinsegeln. Was für ein gütiger Empfang!
Rechtzeitig erreichen wir die Brückenöffnung bei Stralsund und fahren in den Strelasund ein. Da wir nun so nah am Ziel sind und das Wetter passt, machen wir uns bereit zur „Punktlandung“ am 1.7.2026. Wir werfen den Anker vor Gustow, weil uns noch eine Nacht bis zur perfekten Ankunft bleibt.
Alles genau so, nur viel schöner!
Nun ist es also tatsächlich soweit! Davon habe ich in den letzten Wochen und Monaten schöne Bilder im Kopf gehabt, gerade wenn es mal wieder nicht so leicht war. In meiner Vorstellung sah ich, wie wir mit wehenden Gastlandflaggen bei strahlendstem Sonnenschein ankommen und an Land sollten im Idealfall winkende Menschen stehen…
Und dann geschieht alles genau so, nur noch viel schöner als erwartet!
Mit Bedacht und auch ein wenig Stolz fädeln wir die Gastlandflaggen an die Backbordseite. Sie wehen zwar gerade nicht, da Flaute herrscht, aber sie leuchten in der Sonne. Erinnerungen an jedes einzelne Land werden in Sekundenschnelle wach und auch die Frage, ob wir das jetzt nur träumen, oder ob es wirklich stattfindet, stelle ich mir insgeheim.
Da Thomas’ Schwester aus Mitteldeutschland anreist, unsere beste Freundin Uli aber bereits in Seedorf eingetroffen ist, kamen wir gestern auf den Gedanken, noch einen Zwischenstopp am Palmer Ort einzuladen und Uli einzuladen, mit ihrem SUP vom Ufer aus zu uns zu kommen. Das ruhige Wetter spielt uns dafür sehr gut „in die Karten“ und so wird unsere Ankunft mit einer „Vorankunft“ gekrönt, die Langzeitsegler wohl eher selten erleben.
Ganz in Ruhe, ohne Hast sehen wir sie auf uns zukommen und ganz privat dürfen wir uns auf Frodo nach über einem Jahr in der Ferne wieder in die Arme schließen. So wäre mir das nicht einmal im Traum eingefallen!
Uli kennt FRODO nur von Bildern, wir haben viel zu erzählen, genießen das kurze gemeinsame Bordleben und freuen uns auf Seedorf.
Inzwischen ist Uta vor Ort, wir verabschieden Uli nur für kurze Zeit, sie wird mit SUP und Auto zurück nach Seedorf fahren. Für uns heißt es ein letztes Mal „Anker auf“ und weiter!
Unterwegs geht es an der „Vogelinsel“ vorbei. Auf dem Having sehen wir in der Ferne ein schönes grünes Segelboot „unter Vollzeug“. Thomas erkennt, dass es das Boot von Jochen sein muss, die „Gefion“, die er aus Seedorf kennt. Mit Jochen haben wir bei unseren Kurzaufenthalten in Seedorf schon zweimal gesprochen. Als er dann aus der Ferne deutlich winkt, grüßen wir voller Freude zurück! Schön, dass wir bereits einen Menschen kennen, der in Seedorf seine seglerische Heimat hat!
Die Einfahrt in die Lanckener Beek vor Seedorf ist eng und flach, unsere Box Nr.2 ist belegt, aber der diensthabende Hafenmeister hat uns die Box 1 reserviert und weiß, dass wir kommen. Deshalb sitzen bereits drei Vereinsmitglieder auf der Bank am Steg und warten auf uns. Auch Uli und Uta winken und rufen und filmen und fotografieren.
Wir haben ordentlich zu tun, weil wir nur mit Mühe zwischen die Dalben passen, zuerst denken wir, dass wir wieder umkehren und ankern müssen, aber nach etwas beherzterem Anlauf klappt es dann doch und die knackende Solarzelle kommt zum Glück ohne Schaden davon.
Leinen übergeben, Sortieren, Abfendern, Kommunizieren….. Uta in die Arme schließen…. Die Freude ist riesig!
Am Ufer steht schon ein bunt gefüllter Getränkekasten „mit und ohne“ bereit. Uli hat an alles gedacht. Schnell kommen wir ins Gespräch mit den netten Bootsnachbarn und werden herzlich aufgenommen.
Frodo ist angekommen beim „Segelsportverein Lancken Granitz“. Der Traumliegeplatz an der Ostsee ist erreicht und wir fühlen uns irgendwie auch gleich zu Hause an diesem besonders schönen Ort.
Danach
Kaum haben wir alles sortiert, gönnen wir uns mit Uta und Uli ein schönes Abendessen im nahen Hotel.
Dann fahren wir mit Uli im Auto zurück nach Seedorf, schlendern über die Brücke nach Lancken Granitz, genießen den Wiesenduft und das Abendlicht, bedienen uns auch nochmal aus dem Getränkekasten.
Der Abend ist lauschig, es bleibt sehr lange hell und warm. Wir bestaunen die schöne Landschaft ringsum.
Kurz vorm Dunkelwerden legt Jochen an. Wir bitten ihn spontan darum, uns Gesellschaft zu leisten und so sitzen wir bis spät in die Nacht hinein im stillen Vereinshafen und haben viel Erzählstoff.
Am Morgen danach frühstücken wir mit Uli, bevor sie zu ihren Hamburger Freunden weiter fährt.
Die folgenden zwei Tage gibt es viel zu tun, um das Boot vor unserer Abreise klar zu machen.
Unterdessen wartet Uta geduldig auf uns.
Wir erleben, wie geschützt FRODO hier liegt, während es draußen ordentlich windet. Manchmal scheucht uns eine Regenhusche unter Deck.
Am Abend des dritten Tages gibt es „Resteessen“ an Bord und am 4. Juli bringt uns Uta mit vollgepacktem Auto nach Dessau.
Es bleibt erst einmal keine Zeit zum Innehalten und Reflektieren, das neue Tempo erfasst uns rasend und reißt uns mit.
Nach einem Jahr – endlich wieder zu Hause in Dessau
Nach einer solchen Reise unversehrt nach Hause zu kommen, empfinden wir als ein großes Glück. Gleichwohl fremd und vertraut gehen wir zögerlich auf Entdeckungstour durch den Garten, die Veranda, den Keller, die Küche, das Wohnzimmer. Wunderbar, was es alles gibt, sogar eine Waschmaschine, einen Konzertflügel, eine Werkstatt... Endlich wieder ein Haus, das nicht schwankt und schaukelt, welches sich nicht von der Ankerkette losreißen kann, welches bei einer Undichtigkeit nicht voller Wasser läuft und sinkt oder mit anderen Häusern zusammenstößt, auf Grund läuft oder wo man sich auf der Toilette mit zwei Armen festkeilen muss, damit man nicht runterstürzt. Wiedersehensfreude – Nachbarn umarmen uns, Freunde kommen, wir besuchen Ines' Mutter – endlich, das haben wir vermisst und wir sind sehr froh über diese Augenblicke.
Was uns sonst noch erwartete. Bitte nicht lesen, falls ihr plant, ein Jahr zu verreisen!
Irgendwie schienen der Garten und der Haushalt sich während unserer Abwesenheit gelangweilt oder gar geärgert zu haben und fordern ein Jahr verpasste Aufmerksamkeit gnadenlos zurück. In der Küche gibt es 14 Tage lang das Totalchaos. Wir leben zwischen Geschirrspülerseitenwänden, Geschirrkörben, einer Gefrierschranktür, Dichtungen und Werkzeugen. Ein multiples Versagen der wichtigsten Lebenserhaltungsgeräte in der Küche fordert die Rückkehrer zum Großeinsatz heraus. Kaum zu glauben, was alles und auf welche Art und Weise nicht mehr funktionierte. Unsere geliebte italienische Espressomaschine bekommt ein neues Thermostat und mehrere neue Dichtungen, der Geschirrspüler lässt sich mit einem neuen Drucksensor wieder zur Kooperation bewegen, unser Multifunktionsbackofen will unbedingt einen neuen Motor für seinen Drehteller, damit er wieder Brot bäckt und der Gefrierschrank fordert eine neue Türdichtung und Türscharniere, damit er wieder nur noch seinen Innenraum kühlt und dort nicht mehr vereist. Die Toilettenspülung wird grundüberholt und 2 Duschthermostate bekommen eine neue Regelpatrone bzw. müssen komplett getauscht werden, die Schiebtür zur Veranda bekommt eine neue Aufhängung und auch der Klingelknopf wird überholt. Tja und das vorher verkaufte Auto braucht auch einen Nachfolger. Langweilig war das nicht. Im Garten schaffen wir in den ersten Tagen nur die gröbste Eindämmung des Schadens und haben aber schon mehrere Tonnen und Säcke voll mit Unkraut und Straßendreck angehäuft, die sich kaum entsorgen lassen.
Eben angekommen, ziehen die ersten Wochen zu Hause wie ein Wirbelwind an uns vorbei. Der Terminkalender ist zwar voll mit Arbeit von morgens bis abends, aber die vielen herzerwärmenden Begegnungen mit vertrauten Gesichtern entschädigen für alles. Ob wir mit diesem Trubel gerechnet haben? Wohl schon, aber wenn es dann passiert, ist es doch jedes Mal aufs Neue aufwühlend. Doch letztlich war die ganze Reise genau so gestrickt: Ein Wechselspiel aus Schweiß und Mühe am Boot – belohnt durch unzählige magische Momente.
Würden wir es trotzdem wieder tun? Ohne zu zögern. Man braucht die Energie dafür, keine Frage. Aber genau deshalb haben wir die Segel heute gesetzt und den Traum nicht um weitere fünf Jahre aufgeschoben.
Zurück auf FRODO
Nach 3 Wochen gibt es kein Halten mehr – die wichtigsten Baustellen zu Hause sind in Arbeit und bevor uns der Alltag einholt, fahren wir zur Ostsee. Das Wetter ist super, Saison auf der Insel, viele Wochenendsegler aus Greifswald kommen und baden nach dem Anlegen einfach im Hafen, wir aber schwimmen im Wechselbad der Gefühle. Wir kommen zurück auf unser Zuhause, zurück auf FRODO.
Unser Segeljahr – Ein Fazit
Unser Jahr in Zahlen
- Gefahrene Distanz: Über 6.000 Seemeilen von Usedom bis Andalusien und zurück in die Ostsee mit etlichen Abbiegungen zwischendurch z.B. drei Stationen auf dem afrikanischen Kontinent.
- Hafentage wegen Starkwind: Schätzungsweise 25-30 – deutlich mehr, als uns lieb war, zuletzt sogar kurz vor der Grenze nach Deutschland 3 Tage auf Vlieland, aber der Respekt vor der Natur ging immer vor. Vom Wetter her war es sicher nicht das günstigste Jahr.
- Motorstunden: Natürlich zu viele – ehrliche Wahrheit gegen Segel-Romantik, wenn der Wind mal wieder komplett einschlief oder es gegenan gehen musste – das Wetter war wirklich sehr launisch.
- Verschlissene Fender: Null! Alle haben durchgehalten und unterwegs sogar noch selbstgenähte Hüllen spendiert bekommen.
- Befahrene Länder: 9 (Deutschland, Dänemark, Niederlande, Belgien, Frankreich, England/Kanalinseln, Spanien, Portugal, Marokko).
- Tierische Begegnungen: Gefühlt Hunderte Delfine (von winzig-flink bis riesig und sportlich), ferne Wale in der Biskaya, Schweinswale in der Ostsee, immer mal wieder Seerobben – ausgerechnet in der extrem geschäftigen Hafeneinfahrt von Rotterdam – z.B. eine tiefenentspannte Robbe, unzählige Medusen, Ohrenquallen und Portugiesische Galeeren u.s.w.
- Verbrauchtes Kaffeepulver: Geschätzt 20 kg. Definitiv mehr als gesund ist. Unser Highlight: Etliche Tüten Spezialitätenkaffee der Rösterei Syra aus Madrid, die wir seit Almerimar an Bord gebunkert hatten und die erst in der Ostsee alle waren – das war gute Planung würde ich sagen :-)
- Waschsalon-Stopps: XX-mal Wäschewaschen quer durch Europa. Mal 3 Euro für eine Maschine wofür Engländer und Franzosen auch mal 7 Euro haben wollten.
- Reparaturen: 20++… Segeln ist das Reparieren an den schönsten Orten der Welt, es gibt eine lange Liste der vielen kleinen Reparaturen – zum Glück hat FRODO sehr gut durchgehalten und es gab keine großen Havarien oder Schäden. Was wir so hatten: zwei undichte Druckwasserschläuche (einer auf Fehmarn, ein anderer in Port Blanc), UKW–Antenne in Nazaré, Kühlschrank in Almerimar, Wellenlager in Almerimar, Lazy Bag in Almerimar, kleines Loch im Segel in Lagos, Großbaumbeschlag in Portimão, eine Solarzelle in Porto, Kabel der Mastkamera in Almerimar, Antennenkabel im Mast in Nazaré, Windgeber auf dem Mast in Almerimar...
Unter Segeln von der Ostsee bis Afrika und zurück - Fragen an Ines und Thomas