Auf dem Heimweg

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Zeebrugge in Belgien

5.Juni bis 8.Juni 2026

Der Weg nach Zeebrugge mit Blick auf die Kraftwerke und Chemieanlagen, Industriebauten und langen Sandstrände gestaltet sich eher unspektakulär.

Ganz im Gegensatz zur geruhsamen Reise wird die Ankunft im riesigen und geschäftigen Industriehafen wieder ein spannendes Erlebnis, da wir Funkkontakt mit dem Kontrollturm aufnehmen müssen und gigantische Dickschiffe ein- und ausfahren. In der freundlichen, modernen Marina kommen wir problemlos unter und werden die kommenden Starkwindzeiten gut abwettern können.

Wenn man hier ankommt, dann denkt man, dass es außer Industrieanlagen und großen Anlegestellen für Fähren und Kreuzfahrtschiffe nicht viel zu bestaunen gibt, aber, weit gehfehlt!

Wenige Gehminuten von der Marina entfernt finden wir ein Wohngebiet mit traditionell in einem Rund gebauten Häuserchen. Die Anwohner grüßen freundlich, schwatzen miteinander auf den Gehwegen, schneiden ihre Hecken. In der nahen Kirche gibt es offensichtlich keine Gottesdienste mehr, man sieht durch die hohen Fenster eine Bibliothek und in den Anbauten sind wahrscheinlich eine Kindertagesstätte und Räume des Gemeindezentrums untergebracht.

Einige Fahrradminuten entfernt liegt der große Strand von Zeebrugge. Trotz des eher rauen Wetters tummeln sich hier die Menschen und die Kiter schwirren zahlreich durchs Wasser. Man könnte lange Spaziergänge und Wanderungen unternehmen, sowohl direkt am Strand als auch auf Dünenwegen oder in den sich anschließenden wasserreichen Gebieten mit Bäumen und Sträuchern. Weiter Richtung Westen sehen wir die Seebrücke von Blankenberge und erinnern uns gern an das rege Strandleben des vergangenen Jahres zurück.

Um die Marina herum wurden viele, moderne Wohnhäuser gebaut, die offensichtlich für potentielle Käufer zahlreich zur Verfügung stehen. So werden wir zum „Hafenkino“ für die Menschen, die auf den Balkonen sitzend zu uns herab schauen und überlegen uns, ob wir solch ein Pensionärsleben anstreben würden. Keine Ahnung, im Moment genießen wir das aktive Seglerleben.

Im flachen Land stehen große Hotelanlagen, die offensichtlich noch nicht genutzt werden. Bald wird die Saison beginnen und dann mausert sich der Industriehafenort zum Tourismusmagnet.

Problemlos könnte man auch von hier aus in den Zug nach Brügge steigen, aber wir bleiben vor Ort und auf dem Sprung für die Weiterfahrt.

Bei der Ausfahrt aus dem Hafen werden wir am frühen Morgen von mehreren Riesenschiffen überholt. Wir fühlen uns total winzig und bleiben so weit an Steuerbord, wie nur irgend möglich.

Von heftigem Zahnweh

8.Juni bis 12.Juni 2026

Wie alle Segler haben wir großen Respekt davor, während der Fahrt krank zu werden. Unsere Bordapotheke ist auf Langfahrt ausgerichtet, ein dickes Buch mit dem Titel „Medizin auf See“ steht im Bücherregal. Bisher haben wir uns wirklich glücklich geschätzt, dass wir während unserer Reise so gut wie nie mit gesundheitlichen Problemen kämpfen mussten (die Seekrankheit mal ausgenommen). Nun erwischt es uns ordentlich.

Schon bei der Überfahrt nach IJmuiden wird Thomas immer schweigsamer und nachdenklicher. Die Fahrt ist lang und anstrengend. Unterwegs sehen wir eine riesige Reede. Völlig durchnässt von einem plötzlichen Regenguss beim Anlegen verziehen wir uns ins Innere von Frodo und fühlen uns ziemlich erschöpft.

Und dann gesteht Thomas, dass er heftige Zahnschmerzen hat. Der Übeltäter ist ein bereits überkronter Backenzahn, dessen Wurzel auch schon einmal behandelt wurde. Was nun?

Erst einmal greift die Bordapotheke mit für diesen Zweck mitgenommenen und passenden Antibiotika, dann der Versuch, einen Zahnarzt zu finden. Es stellt sich heraus, dass in IJmuiden tatsächlich mehrere Zahnärzte praktizieren und wir bekommen sogar gleich einen Termin! Ein Hoch auf die moderne Medizin und die Möglichkeit der Datenübermittlung. Unser heimischer Zahnarzt sendet vorhandene Bilder und Informationen via Internet, der Kollege vor Ort macht sich auch noch ein Bild und Thomas muss nun entscheiden…. Gleich Ziehen? Erst einmal warten, ob die Antibiotika anschlagen? Beide Ärzte empfehlen zunächst den „konservativen“ Weg der Zahnerhaltung. Wir geben diesem Gedanken eine Chance und beschließen, in IJmuiden zu bleiben und abzuwarten, ob der Querulant sich beruhigen lässt. Unterdessen radeln wir langsam durch die Stadt und versuchen so, ein wenig das „Tempo“ rauszunehmen, denn auch mich hat irgendwie ein Infekt angesprungen und mein Körper sagt deutlich, dass ich etwas mehr „locker lassen“ sollte. Vor uns liegt der Abschnitt der Friesischen Inseln und wir denken, dass die medizinische Versorgung dort wohl komplizierter sein würde.

Und von leichter Rippenprellung

11.Juni 2026

Zum Glück können wir nun weiter fahren und starten nach Vlieland. Das „Hiddensee Hollands“ soll uns nur als kurzer Zwischenstopp dienen, denn wir wollen wieder Strecke machen. Beim Ausfahren aus der Marina und dem Bergen der Fender passiert es: Ein falscher Schritt und ich sause mit einem Bein in eine Lücke zwischen den Sitzbänken an Deck. Dabei schramme ich an einem Festmacher aus Metall entlang und schlage mit den Rippen unglücklich auf. Das ist äußerst schmerzhaft und wird mich in den kommenden Tagen leider sogar beim Lachen daran erinnern, dass man an Bord höllisch aufpassen muss, um nicht zu stürzen. Da auch die Wetterprognosen düsterer ausfallen, als ursprünglich aufgestellt, entscheiden wir uns für einen längeren Aufenthalt auf Vlieland, was sich am Ende wieder als eine gute Fügung des Schicksals erweisen wird. In der kleinen Marina mit einer abenteuerlichen engen und strömungsgebeutelten Einfahrt machen wir mit Hilfe der Nachbarn bei viel Wind fest und erleben Ausruhtage am stürmischen Strand, bei Spaziergängen im Dorf und bei kürzeren Fahrradtouren.

Ausruhtage, Entdeckungen und eine besonders schöne Überraschung

12.Juni 2026

Es gibt sie auch in Holland: Die „autofreie“ Insel, auf der man kilometerweit Fahrrad fahren kann, durch herrliche Landschaften wandert, die tobende See draußen bestaunen darf und ebenso die beruhigteren Waddengebiete. Anders als auf unserer Lieblingsinsel Hiddensee gibt es hier aber doch gepflasterte Straßen, schnell fahrende Autos der Einheimischen, Busse, Traktoren, Taxis. Auf Vlieland landen auch größere Fähren an. Die Touristen kommen aber alle nur mit Fahrrad oder zu Fuß. An der Anlegestelle herrscht dann Gewusel und Hochbetrieb. Man kann sich sofort tolle Räder ausleihen und die Insel verdient tatsächlich auch den Ruf der Entschleunigung.

Bald ist man auf den langen Radwegen oder zu Fuß ganz allein unterwegs. Bläst einem der heftige Wind am Nordseestrand zu stark, weicht man auf die geschützten Strecken zwischen den Dünen aus, bestaunt die Moorlandschaften, mit Kräutern und Blüten übersäte Wiesen und beobachtet die artenreiche Vogelwelt.

Weiter Innen finden sich wunderschöne Weiler und Wasserläufe, hoch oben wacht der leuchtende Turm und gerade die Waddenlandschaft verändert minütlich ihr Gesicht. Im kleinen Dorf fühlt man sich sofort geborgen. Ja, Freunde, es ist hier Vieles wie auf Hiddensee! Natürlich reiht sich ein Touristenladen an den nächsten, aber die angebotenen Waren wirken eher wie „ausgesucht“ und „besonders“.

Die größere Zahl der Restaurants und Gaststätten bietet viele Möglichkeiten der kulinarischen Genüsse. Der vielgepriesene Bäcker verdient seinen guten Ruf. Vor der alten Kirche ein runder Platz. Anheimelnd. Daneben sehr alte, hübsch restaurierte Wohngebäude. In den Vorgärten blüht und duftet es überbordend.

Wem nach Zelten der Sinn steht, der wandert zum geschützten Platz zwischen den Dünen. Bei diesem Regen und dem kalten Wind ist das wohl zunächst eher ungemütlich, aber, es soll ja bald schöner werden…

Wir probieren auf den Rat unserer Segelfreundin Heike von der Mariposa die leckeren holländischen Kibbeling, verziehen uns unter Deck und ruhen uns aus.

Hallo, Dessauer, ihr seid nicht allein hier!

Was für ein Zufall und eine schöne Überraschung! Thomas bekommt eine Nachricht von Mandy und Frank, die uns in der Marina entdeckt haben. Ein Blick aus der Luke: Tatsächlich! Drüben am Längssteg liegt die MicMac. Dieses tolle Aluboot gehört den beiden Dessauern „Schelle und seiner Frau“, die wir bisher eher aus lieben Erzählungen kennen. Sie haben ihr Segelboot gerade aus der Werft in Makkum geholt, eine Bestevear 54, wie schön! Nun beginnt eine tolle Zeit gemeinsamen Austauschs und wir merken schnell, dass wir viel voneinander lernen können und uns gut verstehen. Die Beiden haben ihr Traumboot wohldurchdacht und mit viel Segelerfahrung konzipieren lassen und ihre Ideen und Wünsche in den Bau sinnvoll eingebracht. Respekt!

Staunend erfahren wir auch von den vielen „Kinderkrankheiten“ und tatsächlich auch von sicherheitsrelevanten Mängeln, die immer wieder auftauchten und den Eignern während ihrer Probefahrten zum Teil erhebliche Probleme bescherten und bereiten.

Jetzt sind sie wie wir auf ihrem Weg in die Ostsee und wir freuen uns auf gemeinsame Zeiten.

Vorerst wählen wir den 17.Juni als Abfahrttag und brechen in der Morgendämmerung fast gleichzeitig auf. Die MicMac ist aber bald weit voraus, weil sie schneller unterwegs ist. Ihr Ziel heißt Helgoland. Wir haben uns vorgenommen, abends auf Norderney anzukommen.

Nach Deutschland!!!!

17.Juni 2026

Heute endlich erreichen wir unter Segeln und motorend wieder deutsche Gewässer. Hurra!

Der Weg nach Norderney geht an einigen friesischen Inseln vorbei, oft durch flache Gebiete und knapp neben den Wasserstraßen der Dickschiffe entlang oder zwischen Naturschutzgebieten hindurch. Erhebend wird der Moment, in dem ich die holländische Gastlandflagge einholen kann. Wir sind wieder in Deutschland.

Etwas mulmig wird uns beim Befahren des sogenannten „Schluchter“ vor Norderney, denn hier sollte man die Betonnung tunlichst beachten. Dieser Bereich ist sehr flach und neigt zum Versanden. Sogar Kaiser Wilhelm soll hier schon einmal „stecken geblieben“ sein.

Wir haben uns zuvor sogar telefonisch Rat bei der Hafenmeisterei der deutschen Insel geholt. Man ermutigte uns, da die Wetterverhältnisse passen und heute keine schlimme Grundsee zu erwarten ist.

Die große Ferieninsel sieht heute ganz anders aus als im letzten Jahr, weniger windgepeitscht, mehr frei gelegte Strandbereiche. Beim Einbiegen in den Kanal zum Hafen wird es uns ganz warm ums Herz, denn die Leute auf den größeren Fischerbooten begrüßen uns überaus freudig, winken uns zu und dann realisieren wir: Wir verstehen die Menschen ja! Es ist unsere Muttersprache, die wir hören. Als dann ein Mann ausgelassen und laut „Frodo, wirf den Ring ins Feuer!“ ausruft, bin ich doch sehr gerührt. Freudentränen kullern mir über die Wangen.

Wir bleiben nur eine kurze Nacht, schon in der Morgendämmerung reisen wir weiter nach Cuxhaven.