Auf der Zielgeraden, unterwegs in Richtung Heimat

Ausfahrt aus Gravelines
Adieu

Wieder reif für die Insel

Am Morgen nehmen wir Abschied vom wunderbaren Ankerplatz in der Naturbucht Port Blanc und wollen durch den Ärmelkanal wieder nach Guernsey reisen. Die Wettervorhersagen der unterschiedlichen Anbieter sind widersprüchlich, letztlich haben wir dieses Mal Glück, dass die weniger optimistischen Prognosen nicht auf uns zutreffen. Mit etlichen Stunden unter Segeln gelangen wir problemlos nach Guernsey und können in der Victoria Marina an einem Außenponton festmachen. Es bleibt sogar Zeit für ein schönes Abendessen in einem Restaurant gleich in Hafennähe und wir beschließen, dass ein Bier in einem Pub auch sein muss. Am nächsten Morgen schlendern wir noch einmal durch die hübschen Straßen und Gässchen von St. Peter Port, bevor wir mittags ablegen, um zur rechten Zeit beim „Alderney Race“ dabei zu sein.

Durch eine der stärksten Gezeitenströmungen Europas: Alderney Race

Das ist eine wilde Fahrt! Beim Blick auf den Plotter können wir unseren Augen kaum trauen, weil dieses Bild irgendwie nicht zu dem passt, was wir auf dem Meer sehen. Wir steuern gefühlt auf das Festland zu, weit nach Steuerbord, das Boot wird aber quer durch die Strömung so versetzt, dass es mit gehörigem Abstand am Land vorbei kommt. Hätte ich per Hand steuern müssen, wäre ich wohl viel zu weit nördlich heraus gekommen. Der Autopilot berechnet aber genauer, wie viel Vorhaltewinkel das Boot braucht, um die vorgegebene Route abfahren zu können. Das Meer strudelt und wühlt, die Strömung ist stark und Furcht einflößend. Man kann sich vorstellen, wie ungemütlich es hier wird, wenn das Wetter weniger lieblich ist und die Welle höher. Wir haben Glück, und rauschen weiter durch den Ärmelkanal, mal heftig mit, mal stark gegen den Strom, aber wie erwartet und vorausberechnet kommen wir abends in Cherbourg an. Das Anlegemanöver wird abenteuerlich, aber nach einem Abbruch des ersten Versuches finden wir eine passende Lücke für unser Boot und dürfen auch während der kommenden Tage dort bleiben.

Cherbourg im Kreuzfahrtschifffieber

Hier geht es dieses Mal zunächst gemütlicher zu. Ohne Rennboote wirkt die riesige Marina leer, obwohl es natürlich kaum freie Boxen gibt. Da wir die schönen Ecken der Stadt bereits vergangenes Jahr kennen gelernt haben, können wir nun zielstrebiger ebendiese ansteuern.

Drüben hinter der großen Museumshalle parkt ein Kreuzfahrtschiff. Es ist höher als die alten Werftgebäude und spuckt tagsüber so viele Menschen aus, dass es in der Altstadt wimmelt und brodelt.

Bis ans andere Ende des Ärmelkanals

Gleich nach dem Frühstück geht es auf längere Fahrt. Wir wollen nicht in die große Bucht mit der Mündung der Seine bei Le Havre eintauchen und auch keinen Zwischenstopp in Dieppe einlegen, sondern wie bereits im Vorjahr einen längeren Schlag durch den Ärmelkanal wagen. Diese Fahrt über Nacht wird wieder sehr anstrengend, wir bekommen wenig Schlaf, werden ordentlich durchgeschüttelt, weil wir platt vor dem Wind segeln und die vorausgesagte Wellenhöhe weit übertroffen wird. Zweimal werden wir angefunkt. Am Nachmittag des ersten Tages liegt ein Dickschiff quer auf unserer Route und informiert uns, dass wir gehörig Abstand halten sollen, weil das Gefährt mit wenig Geschwindigkeit durchs Wasser treibt. Der zweite Funkspruch erreicht uns am Folgemorgen zur Frühstückszeit. Thomas hat sich gerade zur Freiwache hingelegt, da rauscht ein graues Panzerboot mit hohem Tempo auf uns zu und bittet uns, Geschwindigkeit und Kurs beizubehalten. Der französische Zoll stattet uns einen Besuch ab, setzt mit vier Männern Besatzung auf einem Schlauchboot zu uns über und verbringt ca. 30 Minuten bei uns an Bord. Da wir nichts zu befürchten haben, sind wir nur müde aber entspannt. Die drei Herren fragen freundlich, lassen sich das Boot zeigen, untersuchen schon auch den Inhalt mancher Schränke und erzählen uns, dass sie im Ärmelkanal viel erleben und sich so manches Drama abspielt, wenn sie auf den Booten allerhand Schmuggelware finden. Sie berichten auch von Schleusern und Geflüchteten und sind offensichtlich froh, dass sie bei uns nur Freundlichkeit und eine schöne Mittelmeer – Reisegeschichte kennen lernen dürfen. Beim „Ausparken“ des Schlauchbootes bekommt Gandalf einen derben Stoß, ein Paddel müssen die Herren daraufhin wieder zu uns zurück bringen, aber sonst geht alles gut. Auf Höhe Calais beschließen wir, eine Station weiter zu fahren, weil es die Tidenzeit erlaubt, bis nach Gravelines zu gelangen. So verlassen wir am frühem Nachmittag den Ärmelkanal und steuern eine Marina an, die nur zu bestimmten Zeiten erreichbar ist.

Kurz vor 15.00 Uhr fahren wir den Fluss Aa hinauf nach Gravelines. Die Schleusen und Marinatore sind noch offen, aber bald wird alles geschlossen sein und der Flusslauf zu großen Teilen trocken fallen, das ist nun wieder etwas ganz Neues für uns und ein großes Abenteuer. Thomas steuert Frodo exakt durch die betonnten Gebiete und wir können in der Marina gleich hinter dem Tor am Besuchersteg festmachen. Bald darauf liegen wir wie in einer Wanne hinter großen Toren sicher und ruhig.

Gravelines im Spannungsverhältnis zwischen altehrwürdiger wechselvoller Geschichte, Tourismus und Atomkraft

Der letzte französische Ort, den wir auf unserer Reise anlaufen werden, könnte gegensätzlicher nicht sein. Auf der einen Seite erleben wir eine fast vollständig erhaltene Festungsmauer im berühmten Vauban-Stil, eine sehr alte kleine Stadt mit grauen Mauern und viel Grün und einen riesigen Strand, der bei gutem Wetter wohl gefüllt ist mit Touristen und Tagesausflüglern aus Dünkirchen und Calais. Auf der anderen Seite ragt eines der größten Kernkraftwerke Europas weithin sichtbar ins Blickfeld und die Schlote der Industriegebiete entlang der sich anschließenden Küste geben ein nicht gerade anheimelndes Bild ab.

Wir spazieren die kolossale Festungsmauer entlang, die sternförmig verläuft und von Wasserkanälen des Flusses Aa bereits seit dem 12. Jahrhundert umgeben ist. Mit den Rädern fahren wir auf gut ausgebauten Wegen durch blühende Wiesen und Felder, bestaunen den gezähmten und mit Schleusen ausgestatteten Flusslauf bis hin zum Leuchtturm und den weiten Strand, lesen über die wechselvolle Geschichte des Ortes als Schauplatz unzähliger kriegerischer Auseinandersetzungen zwischen Franzosen, Engländern, Spaniern, Flandern. Auf alten Fotografien sind die Fischer abgebildet, die oft Monate unterwegs waren beim Walfang bis nach Island, während ihre Frauen bis zur Hüfte im Flusswasser stehend Fische, Krebse und Muscheln köcherten, um zum Lebensunterhalt der Familie beizutragen. Wir erfahren, wie der Ort zum Ferienort avancierte und sehen wunderschön angelegte kleine Parks, ein großes katholisches Schulzentrum, den alten Belfried. Natürlich probieren wir das Gebäck, entdecken nahe des Leuchtturms einen Bäcker, bei dem die Menschen lange anstehen und dessen Baguetts tatsächlich besonders gut schmecken. Am Abschlussabend wollen wir noch einmal die gute französische Küche genießen. Aber anstatt Gourmetküche gibt es in der Hafengaststätte leider nur verbranntes Fleisch.

In der Marina geht es herzlich freundlich zu. Die Menschen der Stadt, denen wir beim Einkauf begegnen, wirken etwas müde und abgekämpft. Es ist noch Vorsaison, man spürt es an jeder Ecke. Uns ist das ganz recht. Sehr stimmungsvoll wird der Abschied im Morgengrauen. Wir fahren den stillen Flusslauf entlang zum Meer und sagen Adieu, liebe Franzosen, wir haben auch euch ins Herz geschlossen und viel von euch und über euch gelernt!

Galerie: Impressionen vom Ärmelkanal